Ein Wochenende für jüngere Menschen in Vaassen mit Mieke Mosmuller

30-08-2016 Artikel von Hannah Visser

Am dritten Aprilwochenende sind wir in einer Gruppe von 20 Menschen im Alter von 25 bis 45 Jahren zusammengekommen, um ein Seminar mit Mieke zu haben. Eine vielfältige Gruppe junger Menschen, studierend, nicht arbeitend, mit einer jungen Familie oder beginnend mit einem neuen Betrieb, von denen nicht jeder schon mit der bisherigen Arbeit von Mieke bekannt war. Wir alle waren gekommen, um uns an diesem Wochenende mit „dem logischen Denken und der Entschlussfähigkeit des Menschen in der heutigen Zeit“ zu beschäftigen.

Die Zusammenkunft fand in Vaassen statt, einem kleinen Dorf in der Veluwe (einem Nationalpark), wo wir in einem alten Nonnenkloster schliefen, das jetzt eine wunderbare Pension ist. Die Küche war fantastisch, und der erste Abend des Kennenlernens war dann auch gleich sehr entspannt, und es wurde viel gelacht.

„Knowing yourself is the beginning of all wisdom”, war der Aufruf, der auf der Einladung gestanden hatte. Schon Goethe hat über die Selbsterkenntnis gesagt, dass das Kennen von sich selbst eigentlich am schwersten ist, wie Mieke uns erläuterte. Man kann sich selbst nur mit dem eigenen Denken beurteilen, man hat schließlich nichts anderes als sich selbst. Das gewöhnliche Denken aber ist subjektiv und also nicht geeignet, um objektiv sich selbst beurteilen zu können.

Mieke nahm uns mit in eine Untersuchung, wie unser eigenes Denken arbeitet. Anhand der griechischen Geschichte über die Büchse der Pandora verstanden wir, dass unser alltägliches Denken aus subjektiven Gedanken besteht, die von selbst aufkommen und die wir auch assoziative Gedanken nennen können. Dieser Gedankenstrom hört nie auf, und eigentlich ist das Schlafen die einzige Art und Weise, dem zu entkommen, obwohl das Denken auch da weitergeht, wie wir an unseren Träumen bemerken können. Dies ist der Gedankenstrom, bei dem man im gewöhnlichen Leben verrückt werden kann, es ist wie der Opferrauch aus der Büchse der Pandora: Sorgen, Kummer und Probleme. Zum Glück gibt es auch noch die Hoffnung, dass es eine Kraft gibt, uns zu helfen – und das ist die Kraft von Prometheus, nämlich die Kraft des Vorausdenkens.

Die zweite Art von Denken, so erzählte Mieke, ist der Gedanke, den wir formen, wenn wir uns auf irgendetwas konzentrieren, wie etwa beim Studieren für eine Prüfung oder das Sich-Konzentrieren auf einen Text oder zum Beispiel ein wissenschaftliches Thema. Dieses Thema ist nicht immer selbst gewählt, und es kann manchmal auch schwer sein, sich damit zu beschäftigen, wie auch das Studieren für ein Examen nicht immer einfach ist. Dies ist eine objektive Art des Denkens, wobei, wenn wir diese Art des Denkens anwenden, der assoziative Strom des Denkens für kurze Zeit nicht anwesend ist.

Wir begannen das Wochenende mit dem Üben der zweiten Art zu denken. Wir bekamen alle das Buch ‚Die Kunst des Denkens’ (Mieke Mosmuller, Occident 2016). Jeder schlug es auf einer beliebigen Seite auf und richtete für fünf Minuten seine Gedanken auf einen Satz in dem Buch, auf den sein Blick „zufällig“ fiel.
Die zweite Übung war, unsere Gedanken klar zu bekommen, indem wir uns auf einen von jedem mitgebrachten Bergkristall konzentrierten. Es war deutlich, dass nach diesen zwei Übungen das Denken ein Stück klarer war.

Wir sprachen über das objektive Denken, in dem die Gedanken nicht assoziativ oder subjektiv sind, sondern das eine Art zu denken ist, wo alle, die dieses Denken haben, einig sind.
Die Gedanken sind dann unabhängig von Person, Geschlecht, Alter, Religion oder Herkunft. Man kann sich denken, dass sich die Menschen in diesem Denken auch vereinigen könnten, ohne dass es Uneinigkeit gibt.

Ramon Llull, ein spanischer Denker und Theologe aus dem dreizehnten Jahrhundert, hat darüber ebenfalls nachgedacht. Er sah, dass es neun Begriffe gibt (bonitas = Güte, magnitudo = Größe, duratio = Ewigkeit, potestas = Macht, sapientia = Weisheit, voluntas = Wille, virtus = Tugend, veritas = Wahrheit, gloria = Herrlichkeit), wo sich jeder, wenn er sich darauf konzentriert, über die Bedeutung dieser Begriffe einig sein wird.

Bei unserer Konzentration auf den ersten Begriff merkten wir, dass jeder eigentlich unmittelbar wusste, was der Begriff Güte ist. Trotz der Tatsache, dass nicht jeder denselben Gedanken darüber hat, gibt es keinen Zweifel oder keine Diskussion darüber, was Güte ist.

So haben wir uns an diesem Tag auf die neun Begriffe von Ramon Llull konzentriert und haben miteinander darüber gesprochen. Wie Bach in seiner „Kunst der Fuge“ die Linien der Musik miteinander in Verbindung bringt, so haben wir versucht, die neun Begriffe miteinander zu verbinden. Dass wir die Musik von Bach auch live hören konnten, von Raphaela Kühne und Renate Kroese auf der Geige gespielt, machte den Begriff noch lebendiger.

Am zweiten Tag haben wir uns nach einer schnöne Wanderung über die Veluwe in derselben Weise mit den Kategorien von Aristoteles beschäftigt. Die Intensität des Verständnisses dessen, was genau diese zweite Art zu denken ist, wurde hierdurch noch mehr verstärkt.

Dieser Weg der Übung im Denken, den Mieke uns an diesem Wochenende gezeigt hat, war sehr deutlich, und jeder konnte ihm folgen. Die Atmosphäre untereinander war schön, und jeder konnte auf seine eigene Weise einen Beitrag leisten. Wir konnten an der Entwicklung eines kräftigen, reinen und logischen Denkens arbeiten, das einerseits eine Kraft ist, die im Leben entschlussfähig macht, und die andererseits auch als gesundmachende Wirkung auf den Leib erfahren werden kann.

VaassenVia Quidam in Vaassen (NL), ein altes Nonnenkloster,
dass jetzt als Seminarhaus genutzt wird.