Freundschaft

01-01-2013 Artikel von Mieke Mosmuller

Aristoteles, hier abgebildet, sagt in seiner ‚Ethica Nicomachea’:

Aristoteles
,Die Freundschaft ist eine Trefflichkeit menschlichen Wesens oder eng mit ihr verbunden. Und weiter: sie ist in Hinsicht auf das Leben höchst notwendig. Denn ohne Freunde möchte niemand leben, auch wenn er die übrigen Güter alle zusammen besäße: gerade auch den reichen Leuten und denen, die Amt und Herrschaft haben, tun Freunde bekanntlich ganz besonders not. Denn wozu ist solcher Wohlstand nütze, wenn die Möglichkeit des Wohltuns genommen ist, das doch vor allem und in seiner preiswürdigsten Form dem Freunde gegenüber sich entfaltet? Oder wie ließe der Wohlstand sich behüten und bewahren ohne Freunde? Je größer er ist, desto gefährdeter ist er. Und in Armut und sonstigem Missgeschick gelten Freunde als die einzige Zuflucht. Freundschaft ist Hilfe: den Jüngling bewahrt sie vor Irrtum, dem Alten bietet sie Pflege und Ersatz für die aus Schwäche abnehmende Leistung, den Mann auf der Höhe des Lebens spornt sie zu edlen Taten. Wenn zwei Menschen einander helfen, sind sie nämlich besser fähig, sowohl zu denken als auch zu handeln.’

Freundschaft ist nicht etwas, was man hat, sondern etwas, was man schafft. Natürlich ist das Schicksal einem manchmal so gut gesonnen, dass man von selbst Freunde hat, doch um sie zu behalten, wird man doch immer aktiv werden müssen. In den Romanen, die ich geschrieben habe, habe ich die Freundschaften dargestellt: Freundschaft zwischen Johannes und dem Meister, zwischen Peter und Johannes, zwischen Eva und Johannes ... Freundschaft auch zwischen Gerrit und Beato, zwischen Gerrit und Sophie... Meine Romane sind Entfaltungen von Freundschaften.

Die innigsten Freundschaften entstehen oft gerade auf dem Fundament von Gegensätzen. Vorbild einer solchen Freundschaft ist jene zwischen Goethe und Schiller. Goethe beschreibt die Situation, in der die Freundschaft plötzlich aufflammt, er beschreibt auch die Gegensätze, die es gab:

,An keine Vereinigung war zu denken. Selbst das milde Zureden eines Dalberg, der Schillern nach Würden zu ehren verstand, blieb fruchtlos, ja meine Gründe, die ich jeder Vereinigung entgegensetzte, waren schwer zu widerlegen. Niemand konnte leugnen, daß zwischen zwei Geistesantipoden mehr als ein Erddiameter die Scheidung mache, da sie denn beiderseits als Pole gelten mögen, aber eben deswegen in eins nicht zusammenfallen können. Daß aber doch ein Bezug unter ihnen stattfinde, erhellt aus Folgendem.

Schiller zog nach Jena, wo ich ihn ebenfalls nicht sah. Zu gleicher Zeit hatte Batsch durch unglaubliche Regsamkeit eine naturforschende Gesellschaft in Tätigkeit gesetzt, auf schöne Sammlungen, auf bedeutenden Apparat gegründet. Ihren periodischen Sitzungen wohnte ich gewöhnlich bei; einstmals fand ich Schillern daselbst, wir gingen zufällig beide zugleich heraus, ein Gespräch knüpfte sich an, er schien an dem Vorgetragenen teilzunehmen, bemerkte aber sehr verständig und einsichtig und mir sehr willkommen, wie eine so zerstückelte Art, die Natur zu behandeln, den Laien, der sich gern darauf einließe, keineswegs anmuten könne.Ich erwiderte darauf, daß sie den Eingeweihten selbst vielleicht unheimlich bleibe und daß es doch wohl noch eine andere Weise geben könne, die Natur nicht gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile strebend darzustellen. Er wünschte hierüber aufgeklärt zu sein, verbarg aber seine Zweifel nicht; er konnte nicht eingestehen, daß ein solches, wie ich behauptete, schon aus der Erfahrung hervorgehe.

Wir gelangten zu seinem Hause, das Gespräch lockte mich hinein; da trug ich die Metamorphose der Pflanzen lebhaft vor und ließ, mit manchen charakteristischen Federstrichen, eine symbolische Pflanze vor seinen Augen entstehen. Er vernahm und schaute das alles mit großer Teilnahme, mit entschiedener Fassungskraft; als ich aber geendet, schüttelte er den Kopf und sagte: Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee. Ich stutzte, verdrießlich einigermaßen; denn der Punkt, der uns trennte, war dadurch aufs strengste bezeichnet. Die Behauptung aus Anmut und Würde fiel mir wieder ein, der alte Groll wollte sich regen; ich nahm mich aber zusammen und versetzte: Das kann mir sehr lieb sein, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe.

Schiller, der viel mehr Lebensklugheit und Lebensart hatte als ich und mich auch wegen der ‚Horen’, die er herauszugeben in Begriff stand, mehr anzuziehen als abzustoßen gedachte, erwiderte darauf als ein gebildeter Kantianer, und als aus meinem hartnäckigen Realismus mancher Anlaß zu lebhaftem Widerspruch entstand, so ward viel gekämpft und dann Stillstand gemacht; keiner von beiden konnte sich für den Sieger halten, beide hielten sich für unüberwindlich. Sätze wie folgender machten mich ganz unglücklich: Wie kann jemals Erfahrung gegeben werden, die einer Idee angemessen sein sollte? Denn darin besteht eben das Eigentümliche der letzteren, daß ihr niemals eine Erfahrung kongruieren könne.

Wenn er das für eine Idee hielt, was ich als Erfahrung aussprach, so mußte doch zwischen beiden irgend etwas Vermittelndes, Bezügliches obwalten!

Der erste Schritt war jedoch getan. Schillers Anziehungskraft war groß, er hielt alle fest, die sich ihm näherten; ich nahm teil an seinen Absichten und versprach zu den ‚Horen’ manches, was bei mir verborgen lag, herzugeben; seine Gattin, die ich, von ihrer Kindheit auf, zu lieben und zu schätzen gewohnt war, trug das Ihrige bei zu dauerndem Verständnis, alle beiderseitigen Freunde waren froh, und so besiegelten wir, durch den größten, vielleicht nie ganz zu schlichtenden Wettkampf zwischen Objekt und Subjekt, einen Bund, der ununterbrochen gedauert und für uns und andere manches Gute gewirkt hat.

Für mich insbesondere war es ein neuer Frühling, in welchem alles froh nebeneinander keimte und aus aufgeschlossenen Samen und Keimen hervorging. Unser beiderseitigen Briefe geben davon das unmittelbarste, reinste und vollständigste Zeugnis.’

Ich finde, dass Freundschaft vor allem mit wechselseitigem Vertrauen zu tun hat, nicht damit, dass man in allem einig ist. Es geht um das absolute Vertrauen in den guten Willen des Freundes, auch wenn man manchmal vielleicht heftig aneinandergerät. Von seiner eigenen Seite aus gibt man schließlich auch seinen vollen guten Willen.

Freunde sind Menschen, bei denen man sich zuhause fühlt, mit denen man Liebe und Leid teilen kann, die einen nicht be- oder verurteilen. In der Freundschaft offenbart sich, wer der Andere ist, wer man selbst ist. Freundschaft ist kostbar und schenkt große Freude. ‚Alle Menschen werden Brüder!’, jauchzte Schiller in seinem Gedicht ‚Ode an die Freunde’, und Beethoven komponierte dazu seine neunte Symphonie.
Ich schreibe nun schon seit vielen Jahren Bücher über Philosophie und Anthroposophie, und ich schreibe Romane, in denen sich die Wirkung des Geistes im Leben stets über die Freundschaft offenbart.

Nun ist ein Freundeskreis der Arbeit Mieke Mosmullers entstanden. Ich wünsche uns, dass wir darin Freunde der Freundschaft sind. Die Freundschaft zwischen Menschen ist ein Beispiel für die und zugleich Abbild der ‚Gottesfreundschaft’, die Freundschaft mit Gott, auch die wirkliche Liebe genannt.


Ode an die Freude

 
Friedrich von Schiller
 
O Freunde, nicht diese Töne!
Sondern laßt uns angenehmere
anstimmen und freudenvollere.
Freude! Freude!

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
Deine Zauber binden wieder
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein;
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!
Ja, wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer's nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund!

Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur;
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund, geprüft im Tod;
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott.

Froh, wie seine Sonnen fliegen
Durch des Himmels prächt'gen Plan,
Laufet, Brüder, eure Bahn,
Freudig, wie ein Held zum Siegen.

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder, überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such' ihn überm Sternenzelt!
Über Sternen muß er wohnen.

Schiller