Freundschaft

15-02-2014 Artikel von Mieke Mosmuller

In meinen Romanen kommt es zum Ausdruck, wie ich die wahre Freundschaft sehe. Menschen, die über mehrere Leben hinweg miteinander verbunden sind, inkarnieren sich auf Erden und finden einander. Sie wissen bewusst nichts von dieser schon lange bestehenden Verbindung, außer dass sie etwas gewahr werden, was eine Sehnsucht nach Freundschaft mit diesem Mann, dieser Frau, diesem Jungen, diesem Mädchen weckt.

‘Mannigfache Wege gehen die Menschen. Wer sie verfolgt und vergleicht, wird wunderliche Figuren entstehen sehn; Figuren, die zu jener großen Chiffernschrift zu gehören scheinen, die man überall, auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee, in Kristallen und in Steinbildungen, auf gefrierenden Wassern, im Innern und Äußern der Gebirge, der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, in den Lichtern des Himmels, auf berührten und gestrichenen Scheiben von Pech und Glas, in den Feilspänen um den Magnet her, und sonderbaren Konjunkturen des Zufalls, erblickt. In ihnen ahndet man den Schlüssel dieser Wunderschrift, die Sprachlehre derselben, allein die Ahndung will sich selbst in keine feste Formen fügen, und scheint kein höherer Schlüssel werden zu wollen. Ein Alkahest (Paracelsus: ein Mittel, in dem sich alle Stoffe lösen) scheint über die Sinne der Menschen ausgegossen zu sein. Nur augenblicklich scheinen ihre Wünsche, ihre Gedanken sich zu verdichten. So entstehen ihre Ahndungen, aber nach kurzen Zeiten schwimmt alles wieder, wie vorher, vor ihren Blicken.’

Das schreibt der von mir so viel zitierte Dichter Novalis. Man erlebt in diesem Stück Text aus ‘Die Lehrlinge zu Saïs’ die kunstvolle Komposition der mannigfachen Wege, die die Menschen gehen und die, früher oder später, diejenigen zusammenbringen, die Freunde waren und sein werden.

Die tiefe Vergangenheit wirkt in der Gegenwart, und sie wirkt aus der Zukunft heraus, aus dem, was noch werden soll. Dies wirkt im Untergrund der Begegnung, so wie im Untergrund der mannigfachen Wege, die die Menschen gehen, auch der tiefere Sinn dieser Wege liegt: Wir sind schließlich alle auf dem Weg zu unseren Begegnungen, zu unseren Freunden, zu unseren Geliebten – und zu unseren ‘Feinden’, Gegnern, schwierigen Ereignissen.

Für mich ist dieser tiefe Untergrund seit meiner Jugend zu empfinden gewesen, in einer fortwährenden Sehnsucht, im Kontakt mit anderen Menschen die Tiefe über die Oberflächlichkeit siegen zu lassen. In meinen Romanen kommt dies zum Ausdruck, wenn ich schreibe: Und sie saßen noch lange schweigend beieinander. Oder: Was gesagt wurde, berührte nicht einmal von ferne dasjenige, was eigentlich wirksam war. Johannes empfand eine große Sehnsucht, diese eigentliche Tiefe im Gespräch zum Ausdruck zu bringen...

Was ich damit sagen will, ist, dass wir in unseren Begegnungen die kostbare Zeit und Gelegenheit mit oberflächlichem Gerede füllen, während darunter verborgen die Sehnsucht liegt, im Miteinander das Wesentliche zu berühren. Es sind großartige Momente, die menschlichen Begegnungen – und sie verlaufen in Phrasen und Konventionen. Menschen, die dafür empfindsam sind, gibt dies ein Gefühl von Nachlässigkeit, einen leidvollen Kummer, wenn die Begegnung vorbei ist.

Wir als Freunde des Werkes von Mieke Mosmuller – ich selbst bin schließlich auch ein Freund dessen – haben als Gesprächsthema die Anthroposophie, wenn wir einander begegnen. Das ist eine Bereicherung der Begegnung; es gibt uns die Möglichkeit, dieser Oberflächlichkeit zu entkommen. Doch die wirkliche Befriedigung, die wirkliche Zufriedenheit entsteht erst, wenn es uns gelingt, das ganz Individuelle und sogar sehr Persönliche zu tun.

Die Freundschaft untereinander, die auf der Anthroposophie ruht, kann niemals oberflächlich sein. Die Bande, die hier wirken, sind nicht nur persönlich-karmisch, sie werden auch von großen Ideen und Idealen getragen. Aber die Bande sind auch persönlich, und dies macht uns zu echten Freunden, jeden Einzelnen in Bezug auf jeden Einzelnen.

Während unserer zwei Seminare im Berner Oberland – im Sommer 2012 und zu Pfingsten 2013 – waren wir mit Menschen aus mehreren Ländern in Freundschaft vereint. Ich glaube, dass jeder, der sie mitgemacht hat, dort wirklich erlebt hat, was Freundschaft wirklich sein kann, wenn sie durch die Geisteswissenschaft getragen wird und doch sehr persönlich ist.

Lehrlinge von Sais_1