Radiosendung: Komponist und Alchemist - Das Werk des legendären Grafen von Saint Germain

06-11-2017 Artikel von Thomas Senne
Radiosendung: Komponist und Alchemist - Das Werk des legendären Grafen von Saint Germain




Um Leben und Werk des legendären Grafen von Saint Germain geht es in der folgenden Sendung unter dem Titel: „Alchemist und Komponist“. Im Studio begrüßt Sie Thomas Senne.

Musik 1: St. Germain (Komponist): “Sonata II Con Soli in B-Dur, Andante Affectuosissimo”, aus “Six Sonatas For Two Violins With A Bass For The Harpsichord Or Violoncello”. St. Germain: Arien und Instrumentalwerke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 054, Take 2/II, 4.30.

Er war virtuoser Geigenspieler und Komponist, Fabrikant, Friedenspolitiker und Geheimdiplomat, Chemiker und Alchemist, vielleicht Freimaurer und Rosenkreuzer, für Friedrich den Großen aber ein „berühmter Abenteurer“. Voltaire hielt ihn für „unsterblich und allwissend“, Madame d’ Urfé für einen „Magier“ und Baron von Gleichen für einen „Glücksritter“. Manche allerdings denunzierten ihn als „Schwindler“, „Betrüger“ oder „Scharlatan“. Der Landgraf Carl von Hessen hingegen sah in ihm einen ....

„... der größten Weltweisen, welche je gelebt haben“.

Mit Witz begegnete der Graf von St. Germain, von dem hier die Rede ist, geldgierigen Potentaten. Der sensationslüsternen High Society hielt er gerne den Spiegel vor. Er war eloquent, ein charmanter Unterhalter von höfischer Eleganz, verblüffte durch Phantasie, Scherz und Ironie. Auf jeden Fall muss der Graf Charisma und Humor besessen haben, wie zahlreiche Anekdoten belegen – Esprit.

(Schöler): „Friedrich der Große hat das immer als Spaß von sich gegeben, jemand hätte den St. Germain gefragt: Sie sind so alt – kann das sein, dass Sie vielleicht schon 2000 Jahre alt sind, oder so. Er hat einen Trick dann verwandt, St. Germain. Er sagte nie ‚Nein’. Erlächelte und ließ offen. Er begann einen Satz und hat ihn zur Hälfte gesprochen und ließ die anderen raten. So dass die anderen, die geraten haben, immer glaubten: Ah, das wird schon so gewesen sein. Und dasselbe mit der biblischen Geschichte auf die Frage: Ja sind Sie dann möglicherweise sogar Jesus Christus begegnet? Aber selbstverständlich, sagte St. Germain, bin ich ihm begegnet und hab ihm nur gesagt: Guter Freund, das wird nicht gut enden. Dann hat man einen Diener gefragt von St. Germain: Sagen Sie, sind Sie wohl auch so alt? Sagte er: Nein, das kann ich nicht sagen. Ich bin erst seit 300 Jahren bei ihm“.

Und Casanova? Der begegnete dem Grafen von St. Germain, wie sich dieser nannte, sogar persönlich.

„Sein Gesicht war angenehm, vornehm sein Auftreten. Er war ein guter Erzähler, wenn er auch manchmal aufschnitt, sprach alle Sprachen gut. Dazu war er ein großer Chemiker, ein großer Musiker, besaß die Formen der guten Gesellschaft, zeigte sich selten, war zurückhaltend, höflich, witzig, geistvoll“.

Musik 2: St. Germain (Komponist): “Sonata III in c-moll, Adagio, aus “Seven Solos For A Violin”,. St. Germain: Ausgewählte Werke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 061,Take 7/III, 3.03. 1.01

Das Adagio aus der Sonata III in c-Moll der Saint-Germain-Komposition „Seven Solos For A Violin“, interpretiert vom Ensemble „Phoenix“. Als bislang einzige Gruppe hat es Werke des Grafen auf CD veröffentlicht. Die Herkunft dieses Adeligen liegt im sagenhaften Dunkel, ist geheimnisumwittert. War er überhaupt ein Graf, Marquis, Chevalier oder Comte? Oder nur ein Sprössling des Apothekers und Steuereinnehmers Rotondo aus St. Germiano in Savoyen, wie manche meinen? Oder vielleicht gar ein Sohn des Fürsten Franz II. Rakoczy von Siebenbürgen? Am 28. Mai 1696 in Klausenburg geboren, in Transsylvanien also? Wurde er als Kind eines rebellischen Vaters, der gegen die Habsburger opponierte, für tot erklärt und - um ihn vor Nachstellungen zu schützen - in die Obhut der Medici gegeben und in Florenz aufgezogen? Viele widerstreitende Theorien, Vermutungen und Gerüchte gibt es, aber keiner weiß es genau, sagt der St.Germain-Experte und langjährige Richter am Kieler Landgericht, Hartmut Verfürden.

(Verfürden): „St. Germain ist ja ins Licht der Geschichte erst eingetreten im Jahre 1745. Das war die Zeit, in der er drei Arien für die Oper ‚L’Inconstanza Delusa’ in London komponiert hat. Das war im Frühjahr des Jahres 1745. Zu Zeiten Georg II. hat die alte Jakobiten-Dynastie versucht, wieder in England Fuß zu fassen. Es hat dort eine Art Bürgerkrieg gegeben. Das war gerade im Jahr 1745. Und ein Augenzeuge, der spätere Musikhistoriker Chareles Burny, der schreibt, man habe im Jahr 1745 die Opernhäuser geschlossen und es gab nur ganz wenige Aufführungen. Eine dieser Aufführungen war eben diese Oper, von der Charles Burny schreibt, dass der Prinz Lobkowitz damals in England zu Gast gewesen ist und zusammen mit dem berühmten und rätselhaften Grafen von St. Germain diese Oper besuchte. Also es war eine öffentliche Veranstaltung, für die man – wie heute auch – Eintritt bezahlte.“

Musik 3: St. Germain (Komponist): “Digli Digli Ch’è Un Infedele”, aus der Oper “L’Inconstanza Delusa”. St. Germain: Arien und Instrumentalwerke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 054, Take 13/II, 1.00; 7.07. 1.01 (Musik ab 0.37)

Die Arien St. Germains, wie der gerade gehörte Ausschnitt aus der Oper “L’Inconstanza Delusa”, waren in aller Munde und erschienen 1745 im Londoner I. Walsh Verlag unter dem Titel „Favourite Songs From The Opera L’ Inconstanza Delusa“, also „Lieder über den „enttäuschten
Wankelmut“.

(Engel): „Die Oper ist in der sogenannten, damals sehr üblichen Pasticcio-Technik geschrieben. Wir kennen das von der Pastete – haben mehrere Schichten – und diese Pasticcio-Technik besagt, dass durchaus mehrere Komponisten an so einem Werk arbeiteten und ihre Arien mit einbrachten. Diese Arien haben oft sehr banale Texte. Was darauf zurückzuführen ist, dass sie - sagen wir mal – eine Art Moduleigenschaft besitzen müssen, damit man sie beliebig kombinieren kann“.

Der Cellist Matthias Hahn-Engel hat sich intensiv mit dem musikalischen Oeuvre von St. Germain auseinandergesetzt, das Ensemble „Phoenix“ gegründet, um mit ambitionierten Kollegen die erhaltenen Werke des Grafen aufzuführen. Inzwischen gibt die Gruppe international Konzerte und hat sogar drei CDs eingespielt - damit die Kompositionen nicht in Vergessenheit geraten.

Musik 4:
St. Germain (Komponist): “Sonata II in E-Dur, Prestissimo”, aus “Seven Solos For A Violin”. St. Germain: Arien und Instrumentalwerke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 054, Take 10/II, 3.52.

Ob Christoph Willibald Gluck die eben gehörte Sequenz aus „Seven Solos for a violin“ in London live erlebt hat, ist nicht überliefert. Immerhin soll es zwischen dem deutschen Komponisten und dem Grafen von St. Germain zu einer Begegnung gekommen sein, berichtet Hartmut Verfürden.

(Verfürden): „Auch das ist ein ganz spannendes Thema, was erst am Anfang seiner Aufklärung steht. Man weiß noch nicht genau, wann Gluck nach England gekommen ist. Er hat jedenfalls Anfang 1746 in London eine Oper komponiert, die dann auch aufgeführt worden ist. Zu der Zeit war er also schon da. St. Germain war – jedenfalls im Dezember 1745 – noch da. Er kannte Lobkowitz. Und es gibt einen Satz eines französischen Gluck-Biographen, der sagt so sinngemäß: Man präsentiert uns gemeinschaftlich Gluck, Lobkowitz und den Grafen von St. Germain. Was im einzelnen davon stimmt, das müssen wir in der Zukunft erst noch herausbekommen“.

Dass St. Germain als Musiker und Komponist in London reüssieren konnte, steht fest. Als Autodidakt ohne eine fundierte musikalische Ausbildung wäre das allerdings kaum möglich gewesen.

(Engel): „Er muss eine musikalischeAusbildung gehabt haben, zumindest auf seinem Instrument. Wenn die sehr fundiert gewesen ist – was man annehmen kann, wenn man den Beschreibungen glaubt, die es gibt, dass er also wirklich, dass er also wirklich virtuos sein Instrument beherrscht – dann ergibt sich daraus die Möglichkeit, dass eine Fähigkeit, selber zu komponieren daraus entstanden ist. Das kann man sich denken. Es ist meines Wissens aber keine schriftliche Beschreibung irgendeiner Ausbildung bekannt“.

Cornelius Kellner, Musikwissenschaftler aus Schleswig-Holstein, kann dem nur beipflichten.

(Kellner): „Ich glaube sicher, dass er sogar eine sehr gute musikalische Ausbildung gehabt haben muss. Wo allerdings weiß man nicht. Vermutlich in Italien. Also Händel hat ihn sicher nicht geprägt. Händel, das war ja schon fast Spätbarock. Er hat also wirklich einen sehr leichten gefälligen Stil, den die Neapolitaner verfolgt haben, besonders Giovanni Battista Pergolesi“.

Auch wenn Georg Friedrich Händel St. Germain nicht geprägt hat, liegen Kontakte zwischen beiden doch im Bereich des Möglichen. Das macht eine kleine Geschichte deutlich, auf die der St. Germain-Forscher Hartmut Verfürden bei einem Besuch in London gestoßen ist.

(Verfürden): „Es gibt dort in der Nähe des Schlosses in Richmond große Häuser. Es sind vier Stück. Maiden House of Honour heißen die und eines der Häuser kaufte zur damaligen Zeit Händels Manager. Der hieß Heidegger. Und dieses Haus kam im letzten Jahrhundert in den Besitz von Edward Croft-Mary. Der hatte eine Funktion als Oberverwalter der königlichen Gemälde, kaufte dieses Haus und sah am Eingangsbereich des Hauses über dem Türsturz Noten gemalt und hat sich natürlich gedacht, das muss was von Händel sein, hier wohnte Heidegger, hat lange geforscht und schließlich herausbekommen, dass es Noten sind, die St.Germain-Musik wiedergeben ...“

... Noten aus der Pasticcio-Oper „L’ Inconstanza Delusa“ und zwar die berühmteste Arie daraus „Per Pietà Bell Idol mio“, aus der wir jetzt ein paar Takte hören.

Musik 5:
St. Germain (Komponist): „Per Pietà Bell Idol mio“, “Larghetto”, aus der Oper “L’Inconstanza Delusa”. St. Germain: Arien und Instrumentalwerke. Ensemble Phoenix (Interpreten), LC 8629, Eichhorn Musicproduction, EHN 84 054, Take 4/II, 9.44.

Die Aufnahme in die gehobene Gesellschaft Londons war für St. Germain nach dem Erfolg seiner Pasticcio-Oper kein Problem. Weitere Arien folgten.

(Kellner): „Er selbst war Adliger, hat wohl aucxh hauptsächlich in Adelskreisen verkehrt. In den Adelskreisen war es ja üblich – schon von der Erziehung her -, dass man sich mit der Musik befasste, dass man also zumindest ein Musikinstrument spielen lernte. Möglicherweise ist er auch am englischen Königshof gewesen. London war damals schon ein – kann man schon sagen – um 1740 ein Zentrum der Musik. Da waren also sehr viele bedeutende Komponisten. Und es war die Ära – Ja Händel lebte zu dieser Zeit noch, der war wohl der Gipfel. Aber es waren auch andere William Boyce z.B.“

... sagt der Musikwissenschaftler Cornelius Kellner über eine Zeit, in der Unruhen für Verunsicherung sorgten und man überall Verrat witterte.

(Verfürden): „Das nächste, was wir dann von Horace Walpole erfahren, aus einer Korrespondenz, mit einem Horace Man in Florenz, dass er schreibt, wir haben diesen St. Germain verhaftet. Es war wohl so, dass alle, die südländische Musiker waren als Katholiken galten und deshalb als Feinde oder mögliche Spione galten. Und in diesem Zusammenhang wurde St. Germain auch für einen Tag nur verhaftet und dann wieder freigelassen. Darüber schreibt nun dieser Horace Walpole. Und in dem Zusammenhang schreibt er auch, dass Srt. Germain hervorragend Violine spielt, dass er singt und kompon