S’Odile, Sol Dei, Sonne Gottes

20-10-2017 Artikel von Jos Mosmuller

Nach dem Fall des Weströmischen Reiches im Jahr 476, als Kaiser Romulus Augustulus von dem germanischen Feldherrn Odoaker abgesetzt wurde, zerfiel das Römische Reich durch den Einfall germanischer Stämme von oberhalb des Rheins und durch die Westgoten von oberhalb der Donau immer mehr.

Viele Stämme hatten das Arianische Christentum angenommen, wobei Christus zwar als Sohn des Vaters, aber nicht als Gott angenommen wurde. Das kirchliche römische und orthodoxe Christentum hielt am Patriarchen Athanasius fest, wobei Christus genau wie der Vater Gott ist.

Für die Germanen war der Arianismus neben ihren alten Göttern besser anzunehmen. Die Kirche verurteilte den Arianismus 325 n Chr. auf dem Konzil von Nicäa als Ketzerei.

In Nordwest-Gallien zwischen Soissons und Paris bis zur Bretagne blieb ein Gebiet in römischen Händen, regiert von Aegidius und seinem Sohn Syagrius. Anfangs war dieses Gebiet über Aquitanien, Occitanien und Languedoc noch mit Italien verbunden, später entstand ein getrenntes Königreich mit dem Namen Neustrien (neues Land, Soissons bis Bretagne).

Chlodwig I., Merowinger aus Tournai (Doornik, 465) schlug Sygarius 486 bei Soissons. Er vereinigte Neustrien mit dem östlich gelegenen Gebiet Austrasien (Flandern, Holland, Metz, Aken, Keulen bis Fulda). Chlodwig trat durch seine Frau Chlotilde zum Christentum über und wurde 496 getauft. Auch Aquitanien und Burgund vereinigte er in einem Fränkischen Reich. Nach seinem Tod zerfiel das Reich wieder in zwei Hauptgebiete: Neustrien und Austrasien. In den zweihundert Jahren danach gab es zwischen beiden Ländern fortwährend Krieg.

In dieser Zeit wurde die Funktion des ,Hausmeiers’, Haupt der Hofhaltung, immer wichtiger. Diese dehnten ihre Funktion zu wirklichen Herrschern über das Königreich aus, mit mehr Macht und Einfluss als der König selbst. Die Hausmeier lenkten das Land und stritten gegeneinander. In diesen Kampf mischte sich der Sohn des Hausmeiers Liuthericus von Neustrien unter Teoderich III., der behende, schlaue und bösartige Herzog Eticho von Elsass und Burgund, auch Adalrich genannt. Er stützte abwechselnd Hausmeier Ebroin bei Childerich II. von Neustrien und Hausmeier Pippin von Herstal bei Dagobert II. von Austra sien. Er erhielt hierfür Ländereien, Burgen und Klöster. Er ermordete den Abt Germanus von Granfelden vom Kloster Montier-Grandval, um sein Gebiet ausdehnen zu können. Pippins Enkel, Pippin der Kurze, wurde schließlich König von ganz Frankreich, gefolgt von seinem Sohn Karl Martell und später seinem Enkel Karl dem Großen.

Dieser Kampf um die Hegemonie im gallo-fränkischen Gebiet kam noch ganz aus den Kräften der keltisch-germanischen Stämme, wobei Blut und Vererbung die Hauptrolle spielten. Das Recht des physisch Stärksten durchzog das gesamte Dasein dieser Zeit, in der Ehe, Verrat, Verbannung, Mord und Todschlag die gebräuchlichen Methoden waren, um das gewünschte Ziel zu erreichen.

Eticho
Eticho van Elzas

Dann trat durch die Geburt der Tochter Etichos und sei ner Frau Bereswinde, die die Tochter Sigeberts III. von Austrasien war, eine wichtige Wendung ein. Das Mädchen kam blind zur Welt. Der Vater hatte auf einen Sohn und Nachfolger gehofft und bekam eine blinde Tochter. Er be trachtete es als eine Familienschande und Familienschuld. Gemäß den germanischen Adelsgewohnheiten musste das Kind verstoßen und getötet werden. Die Mutter Bereswinde konnte das Kind in Sicherheit bringen, indem sie es einer Amme gab, die das Kind zu einem Kloster in Balma in Baume-les-Dames in der Bourgogne brachte.

Als das Kind zwölf Jahre alt war, kam durch Eingebung ein rundreisender Bischof, Erhard von Regensburg, zu dem Kloster und taufte das Mädchen und legte ihr während der Taufe eine in Öl getränkte Augenbinde um. Nach dem Ab nehmen der Binde erhielt sie ihr Sehvermögen wieder. Der Bischof gab ihr den Taufnamen Odilia, Tochter des Lichts (Saint Odile, Sol die, Sonne Gottes). Hierauf beschloss sie, das Kloster zu verlassen und zu ihren Eltern zurückzukehren. Der Vater, der froh war, seine Tochter gesund wieder zu sehen, versöhnte sich mit ihr, kündigte dabei aber an, sogleich nach einem geeigneten Kandidaten für eine Ehe zu suchen. Odilia verweigerte eine Hochzeit, weil sie sich ganz Gott weihen wollte. Sie floh zum zweiten Mal aus ihrem Elternhaus. Sie verkleidete sich als Bettlerin und hielt sich in den Grotten von Arlesheim bei Basel verborgen. Es sind dies eine Apollo-Grotte und eine Diana-Proserpina-Grotte.

Ihr Bruder Hugo, der zweite Sohn von Eticho, ging auf die Suche nach ihr, fand sie und konnte sie überzeugen, wieder nach Hause zurückzukehren. Dort würde er bei ihrem Vater dafür eintreten, sie wieder aufzunehmen. Bei der Rückkunft wurde der Vater so wütend, dass er seinen Sohn mit einem Knüppel erschlug. Daraufhin ritt er aus und wurde, während er unter einem Felsen hindurchritt, von einer Steinlawine getroffen, wurde schwer verwundet und blieb lange Zeit krank.

Er kam zur Einkehr und versöhnte sich erneut mit seiner Tochter. Er bereute, was er seinen Kindern angetan hatte, und schenkte seiner Tochter die Hohenburg bei Barr im Elsass, um dort ein Kloster zu stiften. Odilia ließ die Burg umbauen und stiftete dort ein Augustinerinnen-Kloster und wurde selbst Äbtissin. Innerhalb kurzer Zeit meldeten sich 130 Bewohnerinnen an. Die Hohenburg wurde seit dem (690) ,Odilienberg’ genannt, Mont Saint Odile.

Mont Saint OdileMont Saint Odile

Zehn Jahre später baute Odilia ein zweites Kloster am Fuß des Berges, das Kloster Niedermünster, damit verbunden ein Krankenhaus und nicht weit davon eine heilkräftige Quelle. Das Krankenhaus wurde ein Zentrum für Kranke mit Augenleiden und für Aussätzige. Als ihr Vater Eticho starb, bat sie darum, ihn aus den Flammen des Fegefeuers zu erlösen, damit seine Seele erlöst würde.

Odilie

723 fühlte sie selbst ihr Ende nahen und rief die Klosterschwestern zusammen, um Abschied zu nehmen. In dem Moment, als die Glocke zum Chorgebet läutete, schickte Odilia die Schwestern zu ihrer Pflicht. Als die Schwestern weg waren, starb sie allein. Sie fanden sie danach gestorben, ohne das letzte Sakrament empfangen zu haben. Sie kehrte für einige Augenblicke zurück, ließ einen Priester kommen, von dem sie die Sakramente empfing, und starb dann end gültig. Sie wurde in einem Sarkophag in der Kapelle des Klosters begraben.

Seitdem ist dies ein sehr besuchter Pilgerort, nicht nur fĂĽr Menschen mit Augenleiden, sondern auch fĂĽr Menschen, die innere Finsternis erleben und sich nach dem wahren Licht in sich sehnen.

Diese Heiligengeschichte gibt das großartige Bild des Lichtes, der Sonne Gottes, die durch das Physische hindurchbricht und heilend wirkt, nicht nur für Odilia selbst, sondern auch für ihre Zeitgenossen. Es gibt die Anregung, die alte Weisheit, die noch in der Vererbung wirkt, aber immer weiter abnimmt, durch das Licht des Geistes zu überwinden. Die an die Natur gebundenen Kräfte von Blut und Volk geben dem Menschen aus bekannter Selbstverständlichkeit heraus Kraft, aber ohne freie Wahl. Sie lassen im Gegenteil Streit mit dem entstehen, was dem nicht verwandt ist.

Will der Mensch aus Freiheit handeln, ist dies nur aus dem Licht des Geistes heraus möglich, das das Blut des Volkes durchstrahlt, ohne aufgehalten zu werden, ohne Wider stand. In unserer Zeit ist dies nur möglich durch ein Auf stehen im Denken, wo die Weisheit erneut gefunden wird, die sich durch den Menschen hindurch in Liebe der Welt schenken kann, in einer neuen, freien, menschlich-göttlichen Ordnung.

Wir finden dies in der Geschichte in der Gralsgeschichte wieder, die sich ebenfalls im Elsass und in Arlesheim abgespielt hat (es sind in Europa mehrere Orte bekannt).