Spiritualisierung des Denkens

13-01-2016 Artikel von Mieke Mosmuller

Es gibt Menschen, die nicht mit ihrem vollen Wesen in unserer Welt aufgehen können, die das Gefühl haben, zu einem Teil in Opposition mit ihr zu geraten. Menschen, die eine Reibung mit dem Alltagsleben empfinden, in denen Fragen entstehen, die weiter reichen als die täglichen Bedürfnisse des Daseins und ihre Befriedigung. Solche Menschen haben einen Überschuss an Energie in sich, sie erleben gerade diesen Überschuss als wesentlich, können ihn aber nirgendwo ,ausleben’, denn in unserer Welt wird damit nicht gerechnet. Er passt in kein System, auch nicht in ein religiöses System, in keinen einzigen Beruf, nicht in das Familienleben, nicht in die gewöhnliche Freundschaft, den Sport oder das Vereinsleben. Es ist eine Erfahrung von etwas Überschüssigem, etwas, das einen belastet, wenn es nicht bewusst gemacht wird. Es führt zu Depressionen, Essstörungen, Ermüdung, Gefühlen von Unglück, Einsamkeit, Angst. Es nimmt die äußere Gestalt eines Mangels an. Es scheint ein Unvermögen zu sein, im Leben ordentlich seinen Weg zu finden, man ist nicht ganz angepasst, vielleicht sogar ein Schwächling oder ein Schwärmer, ein Zweifler oder eine hoch empfindsame Person. Dennoch beruht der scheinbare Mangel auf einem Überschuss, auf etwas, das sich realisieren will, dies aber nicht kann.

In einigen Fällen nimmt das Leben diesen Überschuss und benutzt ihn. Dann geht er auf in einer glänzenden Genialität, einer großartigen Karriere, im Machen des eigenen Glücks. Der Überschuss, die Quelle aller Fragen, wirkt begraben und weckt den Schein von Zufriedenheit. Dann kann ein Schicksalsschlag diesen Überschuss wieder befreien. Es gibt auch einen Weg, der zur Bewusstwerdung dieses Überschusses führt. Es ist ein schmerzlicher Weg, aber er führt zum Sinn des Lebens.[1]
Am Ende seiner Wirksamkeit hat Rudolf Steiner für die Priester der Christengemeinschaft noch einmal deutlich in Worte gefasst, wie groß die Wichtigkeit und die Notwendigkeit eines völlig bewussten In-die-Hand-Nehmens des Denkens ist.

Wir müssen bedenken, daß wir ja leben im Zeitalter der Bewußtseinsseele, jener Etappe der gesamtmenschlichen Evolution, in der der Mensch die Intellektualität[2] sozusagen in die Hand zu nehmen hat, in seine eigene Individualität hereinzugliedern hat. Natürlich ist dieses Zeitalter jetzt sozusagen das erste, das auf den Geist des Menschen noch beschränkte, in welchem die Dinge, die die Aneignung der Intellektualität betreffen, ablaufen innerhalb des menschlichen Sinnens und Denkens.

Es wird ein Zeitalter kommen, in dem auch die tieferen Kräfte der menschlichen Seele ergriffen werden von demjenigen, was sich jetzt mehr abspielt innerhalb des Sinnens und Trachtens und Denkens. Gegenwärtig ist der Mensch noch in der Lage, sich Vorstellungen darüber zu machen, wie er sich der in seine eigene Individualität hereinbrechenden Intellektualität bedienen soll. Aber es wird dieser Zeitraum der Bewußtseinsseelenentwickelung nicht ablaufen [im Laufe von etwa 1500 Jahren, d.Red.], ohne daß auch die Seelen selbst in ihren tiefsten Emotionen, in ihren Gefühlen, in ihren Leidenschaften ergriffen werden von der Intellektualität, und dann wird dasjenige eben noch tiefer und gründlicher im Menschen wohnen, was noch im Mittelalter gesucht worden ist in den Sternen, als man von engelischen Intelligenzen in den Sternen redete. Das alles wird ja im Menschen abgeladen. Und wenn dann später die Jupiterzeit kommt, so wird auch die menschliche Leiblichkeit ergriffen werden von der Intellektualität. Gerade gegenwärtig ist es daher noch möglich - weil die Dinge noch so liegen, dass der Mensch in Gedanken und Worte fassen kann, um was es sich handelt, weil die Seele noch nicht in ihrem innersten Gefüge von der Intellektualität ergriffen ist -, gerade gegenwärtig ist es daher namentlich im Priesterwirken noch möglich, dieses Wirken so zu orientieren, daß die Weltenzwecke, die Weltenziele wirklich erreicht werden können. Denn sehen Sie, die Sache liegt ja so, daß der Mensch, indem er die Intellektualität an sich heranreißt aus dem Weltenall – und das liegt ja schließlich in der Weltenweisheit, dass er sie heranreißt –, daß der Mensch die Möglichkeit gibt, in unbewachten Momenten, die ja immer da sind, diese Intellektualität ergreifen zu lassen von jener ahrimanischen Macht, die in der christlichen Tradition der Satan genannt wird und der nicht verwechselt werden darf mit dem gewöhnlichen Teufel, welcher ja nicht die Eigenschaften des Satans hat, sondern eine niedrigere Macht ist. Satan hat den Rang von Urkräften, von Archai, und er ist derjenige, welcher im Verlaufe der Weltevolution diese Intellektualität ergriffen hat, lange bevor sie in der Art, wie es geschildert wurde, an den Menschen herantritt. Er ist gegenwärtig sozusagen der umfassendste Besitzer der Intellektualität, und er strebt danach, die menschliche Intellektualität so stark an die seinige zu binden, daß der Mensch auf diesem Wege herausfallen kann aus seiner Evolution. Also das Mysterium von Golgatha unwirksam zu machen, danach strebt diese ahrimanische Macht.

Nun, diese ahrimanische Macht, die in der christlichen Tradition der Satan genannt wird, hat keine Kraft, weiter hinauf zu wirken in den verschiedenen Weltenniveaus, als bis zum Menschen. Man kann sich also nicht denken, daß zum Beispiel die Intelligenz eines Angelos unmittelbar ergriffen werden könnte von dieser satanischen Macht. Nur in gewissen Ausnahmefällen kann das geschehen. Und das Wissen um diese Möglichkeit, daß in der Zukunft Momente eintreten könnten, wo es der satanischen Macht auch möglich sein könnte, nicht nur die Menschen an sich zu binden auf dem Umweg durch die Intellektualität, sondern wo die satanische Macht auch Wesen aus dem Gebiete der Angeloi, namentlich der Archangeloi, an sich binden könnte, das gehört gegenwärtig noch zu den höheren Geheimnissen des Okkultismus, über die vorläufig nicht gesprochen werden kann, und die nur unter gewissen Bedingungen enthüllt werden können. [...] Heute haben wir zunächst damit zu rechnen, daß die in der christlichen Tradition Satan genannte Macht die Gabe hat, sich sozusagen an dasjenige anzuhängen, was im Innern des Menschen mit einer solchen Selbständigkeit auftritt wie die Intellektualität; und dann, wenn gewissermaßen die im Menschen enthaltene Intellektualität ergriffen wird von der ahrimanischen Macht, dann kann der Mensch aus seiner Evolution herausgerissen werden in eine ganz andere Bahn, indem einfach sein Wesen nachgerissen wird von seinem Intellekt, bei dem Satan in der Lage ist anzuknüpfen. Das wäre bei keiner anderen seelischen oder geistigen Kraft, bei keiner anderen leiblichen Kraft im Menschen möglich als lediglich bei dem Intellekt, denn der Intellekt sitzt so im Menschen, daß er im Menschen das Allerselbständigste vorstellt; alles übrige hängt an gewissen göttlichen Mächten. Daher hat Satan es dann, wenn er sich zum Beispiel an das Fühlen, an das Empfinden, an das Begehren und Wünschen der Menschen heranmachen würde, immer noch zu tun mit den in diesen Seelenfähigkeiten darinsteckenden übermenschlichen Kräften. Die Intellektualität ist das erste, mit dem der Mensch sich ganz loslösen kann von den Wesenheiten, die seine persönliche Evolution bewirken, sie ist das erste, wo der Mensch durch seine ganz ureigene freie Kraft anknüpfen muß an diejenigen Mächte, die von Anfang an bei seiner Entwickelung gestanden haben.[3]

In dieser Passage wird deutlich, dass es nicht nur eine Liebhaberei der Persönlichkeit ist, das Denken zu ergründen und so in die Hand zu nehmen, sondern dass es zugleich eine Aktivität ist, die für den Fortgang der Entwicklung der Menschheit, wie sie von den guten göttlichen Menschen beabsichtigt ist, notwendig ist. Es ist also einerseits eine Aktivität, die die eigene Entwicklung fördert, andererseits wirkt sie wie ein Ferment in der ganzen Menschheit.

Nun kann einen ein Gefühl von Machtlosigkeit beschleichen, wenn man solche Vorträge liest. Der Aufruf ist sehr deutlich, aber seine Ausführung nicht. Man muss das Werk Rudolf Steiners in seiner Ganzheit durcharbeiten, um diese Machtlosigkeit langsam in eine Fähigkeit umzuformen – oder man muss nach Anweisungen suchen, um zu einer Umsetzung des Verständnisses in wirkliche Aktivität zu kommen. Sowohl die Bücher als auch die Vorträge Rudolf Steiners geben einem immer wieder Rätsel auf. In Wahrheit und Wissenschaft und Die Philosophie der Freiheit wird schon auf das Mysterium des Erkennens des Erkennens hingewiesen, des Denkens über das Denken, des Denkens des Denkens. Aber man findet dort keine deutliche Anleitung, wie man innerlich vorgehen muss. Es ist gerade das Rätsel, das dazu führt, dass man aktiv wird – man muss einfach. Auch wenn in begrifflicher Sprache beschrieben wird, worum es geht, man bleibt dennoch mit einem Gefühl von Rätselhaftigkeit zurück, auch wenn man ein solches Buch wie ,Wahrheit und Wissenschaft’ Wort für Wort begriffen hat. Es muss mehr geschehen als ein Begreifen, das ist deutlich. Zwischen den Worten wirkt ein Aufruf, derselbe Aufruf, den Rudolf Steiner am Ende seines Lebens noch immer gab, wie in dem obenstehenden Zitat. Begriff allein ist nicht ausreichend. Dieser Aufruf lebt auch in den Anthroposophischen Leitsätzen. Der erste Leitsatz lautet:

,Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte. Sie tritt im Menschen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf. Sie muß ihre Rechtfertigung dadurch finden, daß sie diesem Bedürfnisse Befriedigung gewähren kann. Anerkennen kann Anthroposophie nur derjenige, der in ihr findet, was er aus seinem Gemüte heraus suchen muß. Anthroposophen können daher nur Menschen sein, die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und die Welt so als Lebensnotwendigkeit empfinden, wie man Hunger und Durst empfindet.’ [4]

Das ganze Werk von Steiner ist eigentlich ein Aufruf, das Denken zu spiritualisieren. Zugleich erlebt man in diesem Werk, was mit dem Denken geschieht, wenn ein Mensch die Spiritualisierung zustande gebracht hat. Nun könnte man meinen, dass man schon zu einer Spiritualisierung kommt, wenn man seinem Denken spirituelle Inhalte gibt, wenn man also die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners studiert. Man hat dann noch immer sein gewöhnliches alltägliches Denken, nur hat es einen spirituellen Inhalt. Man müsste eigentlich ein tiefes Gefühl der Unzufriedenheit haben, wenn man so vorgeht. Denn der Intellekt kann nicht anders, als die spirituellen, die geisteswissenschaftlichen Inhalte zu lähmen, zu entzaubern. Das fühlt man, das erlebt man, das gibt ein schmerzliches, ohnmächtiges Gefühl. Einerseits denkt der Intellekt das Allerhöchste, andererseits kommt er dem auf keinerlei Weise bei. Man kann versuchen, den Inhalt zu erleben, damit entkommt man dem Intellekt, und der hohe Inhalt wird zu einem Teil der eigenen Persönlichkeit. Dann ist man etwas weitergekommen, aber das Gefühl, dass einem ein Rätsel über die Schulter schaut, dass das eigene Erkenntnisvermögen zu kurz greift, bleibt doch bestehen.

Nicht nur das Denken muss sich – von Zeit zu Zeit – an eine spirituelle Erfüllung gewöhnen; der Intellekt selbst kann spiritualisiert werden, er kann zu einer spirituellen Intelligenz werden. Rudolf Steiner hat für solche Prozesse die Wesen genannt, die man hierfür braucht; mit denen man sich verbindet, wenn man beginnt, nach so etwas zu streben. Das Umwandeln des Intellekts in spirituelle Intelligenz entspricht einem Sich-Verbinden mit Michael. Ohne ihn geht es nicht, und sobald man diesen Weg betritt, ist er bei einem. Aber umgekehrt kann man auch sagen: Wenn man nicht nach einer Spiritualisierung des Intellekts strebt, verbindet man sich (noch) nicht wirklich mit Michael. Man kann den Namen so oft nennen, wie man will, man findet die Realität dieses Wesens erst, wenn man innerlich aktiv wird.

Das Werk Rudolf Steiners ist erfüllt von ,Zauberformeln’, von Sätzen, Absätzen, Seiten, Vorträgen, Kapiteln, die einen treffen können, als Anweisungen, wie man vorgehen muss. Jeder wird selbst seinen Weg darin finden müssen, für den einen ist dieser Satz bedeutungsschwer, für den anderen ein anderer Satz, Absatz und so weiter. So ein Satz kann eine ,Epiphanie’ für die Seele bedeuten, die ihn aufnimmt. Eine Erleuchtung, eine Offenbarung, ein bedeutungsvoller Aufruf. So ein Satz kann der folgende sein:

Der Umstand, daß das Ich durch Freiheit sich in Tätigkeit versetzen kann, macht es ihm möglich, aus sich heraus durch Selbstbestimmung die Kategorie des Erkennens zu realisieren, während in der übrigen Welt die Kategorien sich durch objektive Notwendigkeit mit dem ihnen korrespondierenden Gegebenen verknüpft erweisen.[5]

Dieser Satz steht in Wahrheit und Wissenschaft zwischen vielen anderen Sätzen, die ebenso bedeutungsvoll sind. Aber in diesem Satz kann man den ganzen Aufruf zu einer realen Anthroposophie und die Technik finden. In diesem Satz steht das Geheimnis der Spiritualisierung des Intellekts, der Zusammenhang mit der Freiheit und zugleich der Weg der Realisierung. Man kann alle spirituellen Inhalte der Vergangenheit, der ganzen Welt, in sein Denken aufnehmen. Man hat dann noch keinen Schritt auf dem Weg der Spiritualisierung des Intellekts gemacht. Der Intellekt ist in seinem Wesen nun einmal alles außer spirituell. Er hat seine Spiritualität verloren und kann sie nicht mehr zurück erobern. Sobald Spiritualität in den Intellekt ,fällt’, ist sie entzaubert. Dies gibt uns das Rätsel auf, gibt uns ein so ohnmächtiges Gefühl. Das Instrument, mit dem man die Spiritualität aufnimmt, ist dafür nicht nur nicht geeignet, es ist eine reale Gegenmacht. Und doch kann man sie nicht umgehen, denn nur mit dem Intellekt kann man die Geisteswissenschaft begreifen.

Nun kann man sein Begriffsvermögen auch verwenden, um einen solchen Satz wie den oben zitierten zu begreifen. Da steht, dass das Ich sich in Freiheit zur Aktivität bringen kann. Man kann begreifen, was da steht, aber man kann es darüber hinaus in sich selbst in eine Praxis bringen. Man kann lernen, zwischen einem Nicht-Denken oder auch einem passiv verlaufenden Gedankenleben einerseits und einem aktiv in Gang gesetzten Denken andererseits zu unterscheiden. In dem aktiven In-Gang-Setzen eines Gedanken, eines Begriffes, findet man früher oder später die Energie des Ich und dessen Freiheit. Erst dann hat man schließlich den ersten Teil des Satzes verwirklicht? Das Ich kann sich also in Freiheit in Gang setzen, aktiv werden. Diese Möglichkeit des Ich, in Freiheit aktiv zu werden, macht es für das Ich möglich, die Kategorie des Erkennens durch Selbstbestimmung zu realisieren, zu verwirklichen. Diese Worte sind auch sehr gut zu verstehen, aber was hat man von diesem Verständnis? Auch dieser Teil des Satzes wird erst wertvoll, wenn man dazu kommt, zu tun, was da steht.

Indem man als ,Ich’ aktiv wird – indem man das Denken in Gang setzt –, wird es möglich, die Kategorie des Erkennens zu verwirklichen. Solange man passiv denkt, solange das Denken aus sich selbst heraus verläuft, steckt das Ich darin, ist es damit verwachsen. Das bewusste In-Gang-Setzen des Denkens macht das Ich erst frei, es wird etwas, was als innerliche Energie erlebt wird und was nicht einfach als ein inhaltsloses Etwas verläuft. Es ist Energie, aber es ist zugleich erkennende Energie. Und weil es sich aus dem unmittelbaren Denkinhalt befreit hat, kann es diesen Inhalt gleichsam fassen, bevor dieser in die Gedanken ausläuft. Das Ich kann die Fähigkeit entwickeln, dem inhaltlichen Denken stets zuvorzukommen und so sich selbst zu bestimmen, zu ,bekennen’. Zugleich aber weiß das Ich, wenn es schauen kann, wie es sich selbst jedes Mal in der Aktivität zu Geburt bringt, hierin auch, was der Erkenntnisprozess ist. Und es weiß es nicht nur, sondern es vollzieht ihn auch.

Ein ganzes Buch habe ich diesem Punkt des Ich gewidmet.[6] Ich habe dieses Geboren-werden-Lassen und zugleich Anschauen des Ich im Denken in diesem Buch wie in einer Laboratoriumsuntersuchung beschrieben – wobei das eigene Innere dann das Laboratorium ist. Aber dann ist erst ein Teil des Satzes realisiert. Der letzte Teil bringt den Unterschied zwischen der ,Beziehung’ der Begriffskategorien zur übrigen Wirklichkeit – außerhalb des Erkennens – einerseits und der Beziehung der Kategorie des Erkennens zum Erkennen andererseits. Die übrigen Kategorien sind ,notwendig’ mit den Objekten verbunden, darauf hat das Ich keinen Einfluss. In allem Übrigen außer dem Erkennen ist die Kategorie ohne Weiteres mit dem Objekt verbunden. Im Erkenntnisprozess ist dies nicht der Fall, hier ist es die Freiheit des Ich – das sich dazu emporarbeiten will oder auch nicht –, durch die diese Kategorie verwirklicht wird. Hier sind Objekt und Kategorie also prinzipiell getrennt und werden erst vereinigt, wenn das Ich dies will. Und in dem Augenblick, in dem das Ich dies in Freiheit zustande bringt, ist es selbst eigentlich erst für das Bewusstsein geboren. In diesem Moment ist die geistige Bewusstseinsseele verwirklicht. Das Ich ist sich nicht mehr nur anhand des Seinsgefühls des Leibes bewusst. Es kann sich von diesem Augenblick an wollen, es realisiert sich, indem es sich selbst bestimmt, und realisiert zugleich den Erkenntnisprozess, weil dieser das Wesen des Ich ist.

Auf diese Weise beginnt man also, sich aktiv und bewusst im Erkenntnisprozess zu bewegen und sich darin immer mehr zuhause zu fühlen. Was hier Energie genannt wird, wird immer mehr als eine reale innerliche Kraft erlebt, ein wollendes Ich, wobei Wille und Ich nicht mehr vorgestellt werden, sondern wirklich da sind.

Dass dieser Prozess zuvor nicht als ein philosophischer Gedankengang erlebt wird, sondern als ein Mysterium, ein Rätsel, hat mit der Tatsache zu tun, dass man eine wirkliche Befruchtung zustande bringt. Man fügt dasjenige, was von Natur aus im Intellekt getrennt ist, aktiv zusammen, man bringt die Kategorie des Erkennens zum Erkennen als Objekt hinzu – und damit realisiert man nicht nur diese Kategorie, sondern auch die Geburt der geistigen Bewusstseinsseele: man vereinigt den Denker bewusst mit dem Gedanken, mit dem Denken.

Das Entfalten der Bewusstseinsseele bewirkt, dass der Mensch sich seiner Existenz bewusst ist. Diese Entfaltung kommt auf eine natürliche Weise zustande und gibt das Ich-Bewusstsein anhand des Leibes. Indem man seinen Leib fühlt, fühlt man, dass man da ist. Das bringt auch das Bewusstsein der Zeitlichkeit seiner Existenz mit sich: Es ist eine Sicherheit, dass der Leib sterben wird – ist dann alles gestorben? Diese natürliche Bewusstseinsseele ist die Grundlage für die geistige, die nur durch Freiheit realisiert werden kann. Man braucht dann nicht mehr den Leib, um daran sein Selbstbewusstsein zu haben, man kann es im Denken selbst aufrechterhalten. Es ist wohl deutlich geworden, dass dies nicht nur eine philosophische Bedeutung hat, sondern dass es eine existentielle Bedeutung hat. Man erfährt die Möglichkeit eines leibfreien Selbstbewusstseins, wodurch man das eigene Selbst als außerhalb der Grenzen von Geburt und Tod existierend kennenlernt.

Damit ist dann zugleich die Kluft überbrückt, die das Ich stets zwischen sich selbst und der Welt erlebt. Vorsichtig lernt das Ich, in sich zu erleben, dass die geweckte Energie, die Kraft, die es als wollendes und denkendes Ich ist, dieselbe ist wie die schöpferische Kraft, die allem Übrigen außer dem Ich seinen Sinn gegeben hat und noch gibt. Anfänglich ist auch das ein rätselhaftes Ahnen, doch langsam wird das Ahnen zu einer Sicherheit. Dies aber kann nicht auf dieselbe Weise ausschließlich im Inneren zustande gebracht werden. Würde man es bei der innerlichen Arbeit belassen, würde man es immer nur ahnen, dass der schöpferische Wille im Ich derselbe ist wie in der ,Welt’ außerhalb des Ich.

Man hat nun den Willen im Denken verwirklicht. Konkret bedeutet dies, dass man von dem Denken in Inhalt absehen kann und dass man das Denken in den Kräften des Denkprozesses selbst bewegen kann, so wie dieser als Wille ,unterhalb’ des Inhalts diesen hervorbringt. Solange das Seelenleben – also auch das Denken – sich nur auf dem Untergrund des Leibes bewusst sein kann, braucht jeder Prozess einen Inhalt, um dieses Bewusstsein aufrechtzuerhalten. Wenn der Wille sich in das Denken bewegt, ist dieser der Untergrund geworden. Man kann dann frei das Denken bewegen, das eine Denk-Willenskraft geworden ist. Es ist noch immer Denken, denn man weiß sehr gut, dass dieses auch im inhaltlichen Denken die suchende Bewegung ist, die einem da jedoch entgeht.

Man ist also ganz Denkwille geworden; das ist ein Bewusstsein des Selbst, das das Vermögen zur Einsicht hat. Dieses gibt jedoch tiefe Gefühle von Einsamkeit. Man lebt in einem zu Kraft gewordenen Ich-Bewusstsein, man weiß völlig, dass man da ist, dass man unabhängig von seinem Leib existiert. Aber es fehlt einem anfangs jegliches Wahrnehmungsorgan für etwas anderes als man selbst, es scheint so, als ob nichts anders existieren würde als das eigene Ich, auch wenn es ahnt, dass es zugleich die Welt ist. Es weiß noch nicht, wie es den Sprung über den Abgrund zu allem Übrigen machen kann.

Man kann dieses wollende Ich als Denkkraft mitnehmen, wenn man anderen Menschen begegnet. Vor allem im Alltagsleben und während seiner Arbeit kann man so auf eine andere Weise zu sein versuchen. Weil man gelernt hat, seinen eigenen Denkinhalt loszulassen, kann man mit seinem webenden Ich-Willen mit dem Anderen mitgehen. Mit dem, was er sagt, aber auch mit seiner Erscheinung, seiner Mimik, seiner Geste. Weil man nicht inhaltlich denkt, urteilt man in keiner Weise. Es steigt überhaupt kein Urteil in einem auf, denn die volle Denk-Willens-Energie verläuft im Mitleben mit dem Anderen. Man muss natürlich jedes Mal wieder daraus heraustreten, sonst würde man in ein komplettes Schweigen verfallen, man würde nur in dem Anderen aufgehen, und der Andere würde keine Reaktion von einem bekommen. Aber dieser Rhythmus kommt immer mehr von selbst zustande, weil es ein Lebensrhythmus ist, der nicht auf abstrakten Entscheidungen beruht. Natürlich geschieht sehr wohl etwas mit einem – es geschieht mehr denn je. Denn man verliert keine Energie mehr an das Festhalten seiner Meinungen und Urteile, im Gegenteil, alle Energie wird zu Gewahr werdung, die eine Bedeutung hat. Diese spricht sich nun jedoch immer mehr außerhalb des eigenen Willens aus – weil man seinen Ich-Willen dem ‚Willen des Anderen’ hingegeben hat. Es ist eine moralische Tat, denn man formt seinen Ich-Willen zum ,guten Willen’. Das ist die eine Seite der Brücke, die man über den Abgrund baut. Man erfährt die Verwandtschaft des Ich mit dem ,Du’.

Die andere Seite der Brücke kommt aus der Wirklichkeit des Geistes. Diese findet man, wenn man seine geisteswissenschaftliche Denkarbeit durch Meditation erweitert. Viele Menschen sehnen sich nach dem Erfahren einer realen geistigen Welt. Die erste Welt, die man bei der Spiritualisierung des Denkens findet, ist die Welt des eigenen Geistes. Aber diese Welt des eigenen Geistes sucht Anschluss an den Geist der Welt. Dieser äußert sich nicht unmittelbar als Inhalt im Intellekt, sondern als Bild gewordene Denkkraft (Imagination). In der Meditation sucht man dann zuerst seinen denkenden Willen, das wollende Denken, und da hinein legt man dann gleichsam ein Bild. Dieses Bild darf keinerlei Verwandtschaft mit der eigenen Biografie haben – Rudolf Steiner nennt dies ,voll überschaubar’. Das Bedeutet, dass in dem Bild keine Elemente stecken, die zu falschen Imaginationen führen können, die entstehen, wenn unbekannte Erinnerungen aufkommen, die als Imaginationen gedeutet werden. Ein Beispiel einer solchen Meditation ist die Meditation des Rosenkreuzes.

Immer mehr kann man erleben, dass der Ich-Wille zur Schale wird, in die man zuerst noch selbst eine bestimmte geistige Substanz legt: den Meditationsinhalt. Durch die vorbereitende Arbeit der Spiritualisierung des Denkens hat man den nächsten Schritt, der zum Beispiel in Die Geheimwissenschaft beschrieben wird, schon gesetzt. Man ist an das Erleben des Denkens selbst, das eine solche Meditation aufbaut, schon völlig gewöhnt. Man erlebt beides: den Ich-Willen und die Substanz, die da hineingelegt wird. Der denkende Ich-Wille (Bewusstseinsseele) nimmt das Geistselbst imaginierend auf.
Die geistige Bewusstseinsseele ist noch ganz ein Erleben des eigenen Ich, das sich seiner Grenzen bewusst wird und in dieser Bewusstwerdung anfängt, die Grenzen zu überschreiten. Es lebt in der moralischen Seite des Selbst, das Denken wird zum Wahrheitserleben, das Fühlen zum Vermögen, die Schönheit als das in Erscheinung tretende Wesen zu sehen, und das Wollen wird zu einem Vermögen, moralisch intuitiv zu leben. In dieser Kraft des eigenen Ich, das sich geläutert hat, entsteht eine solche Verwandtschaft mit der geistigen Welt, dass diese wahrgenommen werden kann, weil das Ich von ihr durchströmt wird. Die erste Wahrnehmung besteht aus jenem Teil des Selbst, das keine Verwandtschaft mit der geistigen Welt hat. Allmählich entwickelt sich die Verwandtschaft, und das Selbst geht mit dem Geist außerhalb des Selbst – mit dem höheren Selbst, dem Geistselbst – eine ,Hochzeit’ ein.

Das Zusammengehen beider wird selbst zu einer Imagination. Der Intellekt mag keine Imaginationen, das Geistselbst kann nur in Imaginationen Wissenschaft betreiben. Das Bild, das für uns vielleicht wie ein platt getretener Pfad erscheint, bekommt einen realen Wert.

Die Kraft des wollenden Denkens ist die Schale, die als Gral ihre eigentliche Substanz empfängt.[7]

Aber wir leben nicht in der Zeit der Entwicklung des Geistselbst, unsere Zeit ist die der Entwicklung der Bewusstseinsseele. Wenn man eine Entwicklung voraus nimmt, zieht man damit immer geistige Mächte an. Zwei davon warten, um zuzugreifen, sie respektieren keinerlei Freiheit. Es sind Luzifer und Ahriman. Sie wollen den Gral und seine Substanz vernichten. Aber wir haben unsere Freiheit, und wenn man diese liebt, will man nur denjenigen geistigen Inhalt in sich aufnehmen, der einen die Freiheit behalten lässt. Rudolf Steiner hat dieses Wesen in seinem ,Menschheitsrepräsentanten’ dargestellt, jenem eindrucksvollen Bild, das in Dornach steht.

Rudolf Steiner drückt es in seiner Autobiografie in folgenden Worten aus, als er sein Verhältnis zu Hegel beschreibt:

In Hegel erblickte ich den größten Denker der neuen Zeit. Aber er war eben nur Denker. Für ihn war die Geistwelt im Denken. Gerade, indem ich restlos bewunderte, wie er allem Denken Gestaltung gab, empfand ich doch, daß er kein Gefühl für die Geistwelt hatte, die ich schaute, und die erst hinter dem Denken offenbar wird, wenn das Denken sich erkraftet zu einem Erleben, dessen Leib gewissermaßen Denken ist, und der als Seele in sich den Geist der Welt aufnimmt.[8]

War die Spiritualisierung des Denkens ein Verwirklichen des Bandes mit Michael, so ist das Empfangen der Geistsubstanz in dem heiligen Gral ein Verwirklichen der Bitte unseres Ichs um eine Befruchtung mit dem Christus-ICH von Jesus von Nazareth, das zwischen dessen dreißigstem und dreiunddreißigstem Jahr in ihm wohnte.

[1] Aus: M. Mosmuller,Waarom zou ik mediteren(Occident 2008)
[2] Unter Intellektualität kann man das Vermögen verstehen, durch das Ordnen von Wahrnehmungen – was durch das Denken geschieht – Begriffe zu finden und diese miteinander in Verbindung zu bringen, wobei sich der Denker als außerhalb der Wahrnehmungen erlebt.
[3] R. Steiner,Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken V, Apokalypse und Priesterwirken(GA 346, Dornach 1997) S. 256 ff
[4] R. Steiner,Anthroposophische Leitsätze, GA 26
[5] R. Steiner,Wahrheit und Wissenschaft, Kapitel 6
[6] M. Mosmuller, Suche das Licht, das im Abendland aufgeht (Occident 1994)
[7] M. Mosmuller,Der Heilige Gral(Occident 2005)
[8] R. Steiner, Mein Lebensgang

Mediteren