Das Pfingstseminar in Graubünden

02-02-2019 Artikel von Mieke Mosmuller

Nachdem wir dreizehn Mal ein Seminar in Haus Parzival im Scharnachtal erlebt hatten, mussten wir an einen anderen Ort umziehen, weil das Haus verkauft wird. Haus Parzival liegt im Berner Oberland zwischen Reichenbach und Kiental. Es gab dort einen schönen, hellen Seminarraum, mehrere romantisch eingerichtete Zimmer, eine Küche für die Selbstversorgung, einen etwas kleinen Speiseraum und eine Terrasse mit einer großartigen Aussicht. Im Lauf der Jahre wurde das Haus zwar zu klein für die stetig wachsende Gruppe der Teilnehmer, aber wir wären hier gerne steinalt geworden. Wir müssten also auf die Suche nach einem anderen Haus gehen. Wir wollten in der Schweiz bleiben, am liebsten im Berner Oberland, und die Preise durften nicht deutlich steigen. Eine unmögliche Aufgabe, so schien es anfangs. Aber dann erschien auf der Suchmaske für Gruppenunterkünfte in der Schweiz doch ein Haus, das alle Anforderungen erfüllte – nur dass es nicht im Berner Oberland, sondern in Graubünden liegt. Für das Frühjahr – zu Pfingsten – konnte es gemietet werden, für den Sommer nicht.

Da, in diesem unbekannten Haus, würden wir mit dem Thema ,Die Apokalypse’ beginnen.

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Bei der Ankunft mussten wir das Haus mit vereinten Kräften in eine gewisse Form bringen, das sich als uralt erwies und ganz sicher nicht zu klein war! Es gab ein großes Restaurant mit einer dazu passenden Küche, das sich im Laufe der Tage in einen geselligen Begegnungsort für Gespräche zwischen den Tiefen der Apokalypse verwandelten.

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Mieke Mosmuller

Es gab eine große Lounge, die zu einem würdigen Seminarraum umgebaut wurde, wo der Büchertisch groß aufgestellt werden konnte, die apokalyptischen Siegel von Rudolf Steiner platziert werden konnten und die Edelsteine des Neuen Jerusalems gezeigt werden konnten. Leider musste das kleine Klavier durch ein E-Piano ersetzt werden, aber sonst verlief alles prima.

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Im Lauf der Jahre hat sich ein Kern von Freunden gebildet, mit denen wir jedes Mal diese Seminare ,feiern’, während sehr leicht und off en neue Teilnehmer hinzukommen können, die sich meiner Wahrnehmung nach auch schnell wohlfühlen. Seit einiger Zeit kochen Marius und Eva die besten vegetarischen Mahlzeiten. Simon, der im biologisch-dynamischen Gemüsebau arbeitet, kann seine intensiv erlebende Musikalität beim Dirigieren des Singens im Chor entfalten, Barbara spielt die Begleitung. Im Haus Parzival stand ein großartiges Klavier, hier musste nun also auf ein E-Piano zurückgegriffen werden... Jos leitet die Seminare immer mit einer historischen Betrachtung ein, möglichst mit der eines Schweizers. Eine Reihe dieser Einleitungen sind in dieser Zeitschrift als Artikel erschienen.

Am Freitagmorgen vor Pfingsten begannen wir dann mit unseren Betrachtungen über die Meditationen der Apokalypse. Mein Bestreben ist es immer, an die Spiritualisierung des Denkens anzuschließen und ein solches viertägiges Seminar nicht zu einem Berg inhaltlicher Erkenntnis, sondern zu einem gemeinsamen Erlebnis werden zu lassen. Und wenn wir wieder weggehen würden, ohne etwas davon im Gedächtnis zu bewahren – wenn es nur ein Geschehen war! Etwas, nach dem man nicht mehr derselbe ist, der man war, als man kam. Das spiritualisierte Denken ist schließlich ein kultisches Denken, es hat transformierende, metamorphosierende, läuternde Kraft. Dies mit der Johannes-Offenbarung in Zusammenhang zu bringen, müsste ein großartiges Geschehen sein.

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Und das ist es geworden, es lässt sich kaum beschreiben. Ein Bewusstsein ist entstanden, dass die Apokalypse die Einweihung selbst ist. Indem man sich damit identifiziert, empfängt man Ihn, der immer schon Objekt der Einweihung war und der einmal in einem menschlichen Leib erschienen ist. In der Apokalypse findet man das reine Denken als Vorbereitung für die Einweihung. Man findet dort die Imagination, die Inspiration, die Intuition. Man findet die Zeitenrunden, in denen dies alles zu geschehen hat. Man findet das Wesen der Zahlen, wie sie Raum und Zeit gestalten. Man kann lernen, erlebend in den Übergang der physischen Erde zu ihrer astralischen Form einzutauchen. Die großen Geburtswehen verbinden sich mit dem Erleben der eigenen Seele. Eine Quelle der Selbsterkenntnis ist die Apokalypse im Anschauen des Abtrennungsprozesses des Bösen aus dem Guten. Das Gute wird zu einem neuen Tempel und einer neuen Stadt, die von oben als die Braut des Lammes herabkommt. Aber vor dieser völligen Reinigung liegt die Ankunft und der Untergang des Bösen. Die erste Aufgabe im Aufnehmen der Apokalypse ist es, dies nicht als Vorstellung außerhalb von sich zu versetzen, sondern sich damit zu identifizieren. Dann rührt man selbst an die Einweihung, die Einweihung berührt einen.

In dem Dorf, wo das Haus liegt, liegt auch eine kleine Dorfkirche. Wie eine Besiegelung durch ein Gebet haben wir dort gesungen, was wir in den vier Tagen aufgebaut hatten. ,Heilig, heilig, heilig’ aus der ,Deutschen Messe’ von Franz Schubert und ,Jesu, meine Freude’, ein Choral aus der gleichnamigen Motette von Johann Sebastian Bach.

Nach jedem Seminar in der Schweiz folgt ein heftiger Rückschlag, so auch dieses Mal. Die Heiligung, die eine so große Gruppe von Menschen, noch jung und schon alt, zusammen erlebt, wird heftig bekämpft. Aber wir freuen uns auf das Sommerseminar, das in einem Haus stattfinden wird, das etwas höher als Haus Parzival im Kiental, im Berner Oberland liegt. Das Thema wird sein: Die Apokalypse in unserer Zeit und die Spiritualisierung des Denkens.

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An anderer Stelle in dieser Zeitschrift finden Sie einen Artikel über eine neue (erneuerte) Initiative: Die Eurythmie von Raphaela und Ruth. Der Impuls hierzu entstand am dritten Tag der Vertiefung in die Apokalypse. Die vier Menschen, die sich inzwischen schon jahrelang kennen (Raphaela, Ruth, Florian und Martijn) machen sich stark, um mit der Eurythmie an die Spiritualisierung des Denkens anzuschließen.

Mieke Mosmuller, Juni 2018.