Der soziale Organismus

16-01-2020 Artikel von Mieke Mosmuller

Das Werk Rudolf Steiners ist so umfassend, dass man, wenn man es kennenlernt, natürlich einen Zugang dazu suchen muss. Jeder hat natürlich seinen speziellen Zugang dazu. Der eine wird mehr die Philosophie suchen, der andere die religiöse Erneuerung, wieder jemand anderes die christlichen Vorträge und so weiter. So gibt es auch den sozialen Organismus und die soziale Dreigliederung. Wenn man einige Zeit in der Anthroposophie studiert und meditiert hat und etwas mehr Übersicht darüber bekommt, was es da alles gibt, dann kommt natürlich allmählich das ganze Werk zu Bewusstsein, soweit das jemals möglich ist. So ist mir irgendwann auch der soziale Organismus bewusst geworden. Es war ein Impuls, der sehr hoffnungsvoll war, dem unglaublich viel Energie gewidmet wurde. Aber in ziemlich kurzer Zeit hörte dieser doch eigentlich auch wieder auf, weil Rudolf Steiner zu dem Schluss gekommen war, dass es nicht mehr weitergehen konnte, weil es nicht so weit gekommen war, wie er gehofft hatte. Und er spricht das 1912 wie folgt aus:

,Die Dreigliederungsbewegung hat im Frühling 1919 begonnen, in der Zeit, als besonders über Mitteleuropa eine erwartungsvolle Stimmung bei großen Teilen der Bevölkerung ausgegossen war. Diese erwartungsvolle Stimmung war allerdings in verschiedener Weise ausgegossen, aber es war eine solche Stimmung da, ich möchte es einfach so ausdrücken, daß eine größere Anzahl von Menschen glaubte, wir sind in das Chaos hineingeworfen und wir müssen durch vernünftige Harmonisierung der sozialen Kräfte weiterkommen. Diese Stimmung war vielfach verbreitet, als ich im April 1919 mit der Tätigkeit für die Dreigliederung begann.

Nun, ich habe dazumal, aus der Form heraus, die ich meinen Vorträgen über die Dreigliederung gegeben habe, sehr häufig geschlossen damit, daß dasjenige, was da gemeint ist, sehr bald in Wirklichkeit umgesetzt werden soll, denn es könnte sehr bald zu spät sein, und diese Formel „Es könnte sehr bald zu spät sein“ können Sie in den damals nachgeschriebenen Vorträgen sehr häufig finden. Es war dazumal die Zeit, wo man in der Form, wie ich es formuliert habe, hätte etwas ausrichten können, wenn die Gegner nicht zu stark angewachsen wären, eine zu starke Macht geworden wären. Nun liegt ja die Sache so: Es ist seit jener Zeit in Mitteleuropa eine furchtbare reaktionäre Welle heraufgezogen, viel stärker als man denkt, und man muß

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Mieke Mosmuller

das durchaus ernst nehmen. Damit ist die Dreigliederung nicht als Prinzip getroffen – das ist dauernd -, aber so wie man dazumal sie verwirklichen wollte, so kann sie nicht mehr verwirklicht werden. Was aus dem Realen der Zeit gedacht ist, ist für die Zeit gedacht, und man würde zum Abstrakten kommen, wenn man so etwas nicht einsehen wollte. Wir stehen heute auf dem Punkt, wo gesagt werden muß, es müssen neue Formen gesucht werden, um aus dem Chaos herauszukommen. Man hat nicht mehr in denselben Formulierungen vor die Welt hinzutreten, wenn man die Dreigliederung selbst vertritt. Insbesondere haben wir heute notwendig als unbedingt Wichtiges, was wiederum zu irgendeinem Licht führen kann, wir haben heute nötig – so unbehaglich es sein mag – ein Hineinleuchten in die ganze Welt der Unwahrhaftigkeit, welche unser geistiges Leben durchzieht. Wir müssen einmal hineinleuchten in diese Unwahrhaftigkeit des geistigen Lebens. Das ist das eine, das Negative. Und das Positive ist: Wir müssen nun, so schnell als das geht, zur Verwirklichung des einen Teiles der Dreigliederung kommen, zur Befreiung des geistigen Gebietes. Wir müssen weniger abstrakte Dreigliederung treiben, denn Sie können heute nicht in der Form, wie wir 1919 begonnen haben, wiederum die Dreigliederung in die Wege leiten – heute ist das Gegnertum zu stark. Nur in der Erkenntnis dessen, was Zeitmacht ist, liegt dasjenige, was uns noch schützen kann vor der Null, spenglerisch gesprochen, nämlich vor dem Heraufkommen des Unterganges. Sie müssen trachten, daß das Konstituieren des freien Geisteslebens gefordert ist.’

Wie gesagt, jeder kommt an einer anderen Stelle in die Geisteswissenschaft hinein, und ich komme da hinein, wenn ich die soziale Dreigliederung und den sozialen Organismus kennenlerne, und für mich ist es darum von Anfang an so deutlich gewesen, dass die Betonung, noch immer, ein Jahrhundert später, auf der Entwicklung eines freien Geisteslebens liegen muss. Und vom Namen her existiert dieses natürlich, aber in Wirklichkeit existiert es natürlich nicht.
Man kann von einem Geistesleben sprechen, das ist natürlich da, der ganze Zusammenhang von Wissenschaft, Kunst und Religion, das ist das Geistesleben, dazu gehört auch die Pädagogik, auch die Medizin in gewissem Sinne. Aber ein freies Geistesleben, dafür muss man zu Rudolf Steiners Grundwerk zurückgehen, zur Philosophie der Freiheit, in der sehr deutlich wird, dass Freiheit im Geistesleen nicht bedeutet, dass jeder einfach tut, wonach er begehrt; dass das Gefühl, man könne denken, was man will, die Freiheit sei; sondern dass es um ein Bewusstwerden des Geisteslebens selbst, nämlich des Denkens selbst, in seiner Qualität, in seiner Aktivität geht und dass von da aus, wenn dieses Denken bwusst wird, auch eine Verbindung mit der geistigen Welt selbst entsteht, das heißt, mit der moralischen welt – und dadurch mit dem Vermögen zur moralischen Intuition, was eine Verbindung zwischen dem denkenden wissenschaftlichen Element und der Welt um uns herum ist. Ich habe auch bei Rudolf Steiner irgendwann eine Liebe zur Entwicklung des reinen Denkens gefasst, und dann findet man Hinweise auf andere Denker als Rudolf Steiner, zum Beispiel in Wahrheit und Wissenschaft den Hinweis auf diesen sehr großen Denker, auf Fichte. Später, in der Zeit des Ersten Weltkriegs und danach, 1919, spricht Rudolf Steiner über die zwei großen Idealisten, Hegel und Fichte.
Er bespricht dann die hohe geistige Qualität des reinen Denkens, das diese Idealisten erreicht haben, aber bespricht zugleich auch, dass ausgehend von diesem hohen, geistigen reinen Denken, wenn man nicht mit der Wirklichkeit der Moralität in Verbindung kommt, etwas entsteht, wenn so ein Denker über soziale Verhältnisse zu denken beginnt, was antisozial ist. Es gibt sehr eindrückliche Passagen in Vorträgen Rudlf Steiners aus dieser Zeit – wir wissen, dass er ein großer Bewunderer von Fichte und von Hegel ist. Aber da sagt er deutlich, dass, wenn man mit dem reinen Denken keine Verbindung mit der Welt findet, wenn man dieses reine Denken nicht wirklichkeitsgetreu einsetzen kann, dann überhaupt kein gutes, soziales Gedankensystem entsteht, sondern dann etwas entsteht, was so abstrakt ist, dass es in Wirklichkeit antisozial ist. Das sind auch Warnungen, dass man daraus dann auch ableiten kann, dass man irgendwann möglicherweise ein Vermögen findet, in einem kreativen, reinen Denken zu denken, das aber noch überhaupt nicht heißt, dass dieses Denken auch mit der Welt mitleben kann. Das ist doch eine sehr besondere Qualität, die im reinen Denken entsteht, wenn dieses wirklcih das Niveau des Geistes erreicht und dann da die direkte Verbindung mit der Welt der moralischen Idee hat. Die Welt der moralischen Idee findet man in der Welt der Wirklichkeit, als Frage, könnte man sagen, und dann kommt diese Verbindung zustande.

Bei Rudolf Steiner ist es dann so, dass man von der frühesten Wirksamkeit für die Theosophische Gesellschaft an sieht, dass er ausgehend von einem Bild vom Kosmos und vom Menschen spricht, das dreigliedrig ist. Das findet man in den frühen Nachschriften der Vorträge aus dieser Zeit in den Esoterischen Stunden. Nur sagt er dann noch nicht: der Mensch ist ein dreigliedriges Wesen, soweit ist es dann noch nicht, aber er spricht immer über die drei Logoi, über den Vater, den Sohn und den heiligen Geist, und über das Denken, Fühlen und das Wollen. An sich also ist die Dreigliederung von Mensch und Kosmos schon früh in seiner öffentlichen Wirksamkeit zu finden.

Aber bei der Weihnachtstagung sagt er dann, dass gegen Ende des Ersten Weltkriegs bei ihm die Entwicklung soweit war, dass er das auch wirklich im vollbewussten Erkennen gestalten konnte und dass sich das bis zur Erkenntnis der Dreigliederung des menschlichen Leibes erstreckte. Das ist zum ersten Mal in dem Buch ,Von Seelenrätseln’ veröffentlicht worden. Da gibt es eine kurze Passage, in der deutlich, aber kurz erläutert wird: Der Mensch hat einen Leib, und dieser Leib ist dreigegliedert, hat einen Nerven-Sinnes-Pol und demgegenüber einen Stoffwechsel-Gliedmaßen-Pol. Den Gleichgewichtsbringer zwischen diesen zwei Extremen finden wir in dem Rhythmischen System, in Herz und Lunge.

Das sind Einsichten, die man, wenn man Medizin studiert hat und inzwischen schon jahrelang aktiv arbeitet, als eine Art göttlicher Einsicht erlebt, weil man zugleich wirklich weiß, dass es wahr ist, dafür braucht man weiter nicht viel. Denn man hat es natürlich eigentlich immer schon gesehen, dass es so war, aber es hat nie jemanden gegeben, der es so benannt hat. Und wenn das durch Rudolf Steiner zustande kommt, ist das etewas, was eine gewaltige Erleuchtung zuwege bringt. Nerven-Sinnes-Pol, Rhythmisches System u nd der Stoffwechsel-Gliedmaßen-Pol. Der dreigliedrige Organismus des menschlichen Leibes. Und es ist deutlich, dass man nicht sagen kann, dass da eine Art Zollgrenze zwischen den verschiedenen Gebieten liegt, wo man die Grenze hat, also nicht hinüber kann, sondern es ist so, dass das eine im anderen weiterwirkt, aber weniger im Vordergrund. Es gibt natürlich auch Blutgefäße im Nerven-Sinnes-Pol und Nerven im Stoffwechsel-Gliedmaßen-Pol. Aber diese haben mehr eine unterstützende Wirkung im Hintergrund und sind nicht die Hauptsache. Darin kann man sich natürlich meditativ vertiefen lernen, und dabei spielen dann zum Beispiel die Vorträge für die Lehrer eine sehr große Rolle.
Rudolf Steiner hat – das ist auch diese Zeit, 1919 – sehr viel Energie der Ausbildung der Lehrer der Waldorfschule gewidmet, wo eine Betonung auf der allgemeinen Menschenkunde, ausgehend von der Anthroposophie, lag. Man findet dann in diesem Buch, aber auch in anderen Zyklen darumherum, Übungen, um sich mit dieser Dreigliederung des menschlichen Leibes vertraut zu machen. Man kann da meditative Übungen finden, bei denen man sich auf die außerordentlich differenzierte Qualität des Gehirns richtet und dann versucht, die Nervenbahnen in der Vorstellung nach unten zu verfolgen – und dann gewahr zu werden, während man das mit einer gewissen Wirklichkeit auszuführen versucht, dass die Spezifität des Nervensystems, je weiter man sich vom Gehirn entfernt, immer weniger wird – man sieht hier eigentlich die größte Differenzierung, und in dem Maße, wie man hinabgeht, wird es weniger spezifiziert. Man kann es eigentlich auch in Anatomiebüchern sehen, darum sage ich: Man hat es eigentlich immer schon gesehen, aber nicht begriffen, dass es dies bedeutet. Und so ist auf der anderen Seite natürlich der Willenspol ein noch kaum differenzierter Teil des menschlichen Leibes. Und das ist ein Wesensglied für das Willensleben des Menschen. So wird das verglichen, das Denkleben und das Willensleben. Wie das Denken aus dem Vorgeburtlichen kommt und der Wille auf das Leben nach dem Tod verweist. Wie das rhythmische Gebiet pulsierend und atmend dazwischen liegt.
Das ist es, was Rudolf Steiner bei der Weihnachtstagung sagt, und das ist eigentlich noch neu, mehr oder weniger. Das ist nach einem Jahrzehnt für ihn wirklich völlig in die bewusste Erkenntnis gekommen, so dass er es hat aufschreiben können. Und wenn man dann mit einem spirituellen Denken, Fühlen und Wollen, wie es Rudolf Steiner hatte, und mit diesen Einsichten auf die einen umgebende Welt schaut, wie er das tat, kann man sich vorstellen, dass man darin nicht irgendeinen chaotischen, ungeformten Organismus sieht, sondern dass man auch da einen gegliederten Organismus sieht, dass man auch da eine Struktur sieht, an die man sich zwar nicht hält, die aber sehr deutlich zu erleben ist. Man kann dann sagen: Im Altertum gab es noch einen natürlichen Drang, ein natürliches Wissen im Menschen, sich an diese Gliederung zu halten, einen ,Weisheitspol’ etwa bei den Brahmanen, einen ,Tapferkeitspol’ mit dem ganzen Verteidigungsapparat und dann das Gebiet des Handels und des Handwerks als drittes und viertes. Das ist sehr lange – auch wenn es nicht so genannt wird – die Struktur des sozialen Organismus gewesen.

Denken Sie an das Mittelalter. Vielleicht kennen Sie die Wagner-Oper ‚Die Meistersinger von Nürnberg‘. Darin zeigt sich sehr stark der dritte Stand. Auf dem Johannesfest machen die Gilden ihre Aufwartung, die mit einer enormen, festlichen Verehrung empfangen werden. Jede Gilde wird empfangen, die Schneider, die Schuster, die Bäcker… Man fühlt eine ganze Aura darumherum, das Wesentliche der Gilde tritt auf, das, was die Gilde zu bedeuten hat. In Rudolf Steiners ,Kernpunkte der sozialen Frage’ wird im ersten Kapitel ein ganzer Abschnitt dem Verlust dieser Aura der Arbeitergilde gewidmet. Er sagt es da so nicht, aber darauf läuft es hinaus. Die alte Einteilung der Arbeiterklasse lag in einer sehr besonderen Hierarchie. Man hatte den Lehrling, den Gesellen und den Meister – und das war nicht der Arbeiter am Fließband. Es war auch ein religiöses, geistiges, künstlerisches Leben damit verbunden. In der Wagner-Oper sieht man den Schuster Hans Sache, der ein Meister in seinem Fach, aber auch im Lied ist. Im Vertreten dieser Liederkunst sieht man seine Größe. Er ist kein gewöhnlicher Arbeiter, er ist ein außerordentlich entwickelter Mann, der sehr viel Weisheit hat, zu dem die Menschen nicht nur gehen, um Schuhe machen zu lassen, sondern auch, um mit ihm zu sprechen, ihre Fragen zu stellen, von ihren Sorgen zu erzählen. Er ist dann auch Meistersinger, er beherrscht die Kunst des Liedes. Das ist ein ganzes Geschehen.

Wir haben noch Reste davon, in der Urzeit unseres eigenen Lebens. Dieses Gefühl hat man manchmal, wenn man einmal auf die fünfziger Jahre zurückblickt, etwa in Amsterdam. Da kam doch wirklich jeden Tag der Bäcker mit einem Fahrrad und dem frischen Brot an die Tür. Auf jeder Treppe lag frisches Brot! Ein etwas moderneres Auto kam mit Milch und Joghurt und so, und der Gemüsemann kam auch. Sie kamen durch die Straßen. Dann der Lumpenhändler, der sich lauthalts bemerkbar machte, dass man ihm etwas geben könne, wenn man das wollte... Das ist eine Art Tradition von dem, was Gilde in der Stadt einmal gewesen ist, die letzten Ausläufer im Stadtleben.

Nun geht man vielleicht ins Internet und bestellt da sein Brot und Gemüse. Dann kann man es abholen, oder es wird geliefert, oder man geht noch in den Laden. Aber es ist ein völlig anderes Lebensgefühl, das wir heute haben. Rudolf Steiner beschreibt als die Zeit des Höhepunktes des Materialismus die Mitte des 19. Jahrhunderts. Er beschreibt es in verschiedener Hinsicht, mit Blick auf verschiedene Prozesse, die sich abspielen. Aber in dieser Zeit erscheint auch das große Werk von Karl Marx: Das Kapital. Es ist auch die Zeit, von der Rudolf Steiner beschreibt, dass Michael im Himmel mit den Geistern der Finsternis kämpft, die schließlich auf die Erde gestoßen Werden. Es ist auch die Zeit, wo Christus in der ätherischen Welt eine Art Tod, einen Erstickungstod durch die materialistischen Gedanken der Verstorbenen durchmacht. Karl Marx war ein sehr guter Denker, der im Werk Hegels geschult war, sehr stark in der Dialektik geschult war, aber zugleich die Idee der Französischen Revolution aufgenommen hatte, vielleicht nicht so sehr die Französische Revolution, aber den revolutionären französischen Geist. Und alles ist eigentlich in dieser Hinsicht außerordentlich interessant, wenn man dann in den Karmavorträgen liest, was Rudolf Steiner über Karl Marx sagt. Sie wissen es vielleicht, aber ich lese es Ihnen dennoch einmal vor:

,Es ergab sich mir aus ganz besonderen Verhältnissen heraus, daß sozusagen der Blick auf gewisse Ereignisse hingelenkt wurde, die, wir würden heute sagen, im Nordosten Frankreichs sich abspielten, aber sich abspielten auch im 8., 9. Jahrhundert, etwas später als die Zeit ist, von der ich jetzt gesprochen habe. Es spielten sich da besondere Ereignisse ab. Es war ja eine Zeit, in der noch nicht die großen Staatenbildungen da waren, in der deshalb dasjenige, was geschah, mehr innerhalb kleinerer Kreise der Menschheit geschah.

Da hatte denn eine Persönlichkeit von energischem Charakter einen gewissen großen Besitz eben in dem Gebiet, das wir heute den Nord­osten Frankreichs nennen würden. Dieser Mann verwaltete den Besitz in einer außerordentlich geordneten Weise, in einer für die damalige Zeit außerordentlich systematischen Weise, möchte ich sagen. Er wußte, was er wollte, und war eine merkwürdige Mischung von einem zielbewußten Menschen und einer Abenteurernatur, so daß er mit mehr oder weniger Erfolg kleine Kriegszüge machte von seinem Eigentum aus, mit Leuten, die sich, wie das ja dazumal üblich war, als Krieger angezogen hatten. Es waren das kleine Heerhaufen, mit denen zog man aus und suchte das oder jenes zu erbeuten.

Mit einer Schar solcher Krieger zog der Betreffende von dem Nordosten Frankreichs aus. Und die Sache machte sich so, daß eine andere Persönlichkeit, etwas weniger Abenteuer als er selber, aber energisch, während der Abwesenheit des Eigentümers des Landgutes – heute erscheint das paradox, dazumal konnte eben so etwas geschehen – sich des Landgutes und des ganzen Besitztums bemächtigte. Als der Betreffende nach Hause kam – er war alleinstehend –, fand er, daß ein anderer Besitzer sich seines Landgutes bemächtigt hatte. Und die Verhältnisse entwickelten sich so, daß in der Tat der Betreffende nicht aufkam gegen den jetzigen Besitzer. Der war der Mächtigere, hatte mehr Mannen, hatte mehr Krieger um sich. Er kam gegen ihn nicht auf.
Nun waren die Dinge damals nicht so, daß man etwa, wenn man in seiner Heimat nicht fortkam, gleich in fremde Gegenden zog. Gewiß, diese Persönlichkeit war ja ein Abenteurer; aber das ergab sich doch nicht wiederum so rasch, er hatte nicht die Möglichkeit dazu, so daß der Betreffende mit einer Schar von Anhängern sogar eine Art Leibeigener wurde an seinem eigenen früheren Besitzerhof. Er mußte nun wie ein Leibeigener arbeiten mit einer Schar von denen, die mit ihm auf Abenteuer ausgezogen waren, während ihm sein Eigentum entrissen worden war.
Da geschah es, daß bei all den Leuten, die da Leibeigene geworden waren, während sie früher die Herren waren, eine ganz besonders, ich möchte sagen, dem Herrschaftsprinzip abträgliche Gesinnung entstand. Und es brannten in diesen Gegenden, die bewaldet waren, in mancher Nacht die Feuer da, wo man zusammenkam und wo man allerlei Verschwörungen besprach gegen diejenigen, welche sich des Eigentums bemächtigt hatten.

Es war einfach so, daß der Betreffende, der vom großen Besitzer mehr oder weniger zum Leibeigenen, zum Sklaven geworden war, sein übriges Leben nunmehr damit ausfüllte, abgesehen von dem, was er arbeiten mußte, Pläne zu schmieden, wie man etwa wiederum zu Besitz und Eigentum kommen könne. Man haßte denjenigen, der sich des Eigentums bemächtigt hatte.

Nun, sehen Sie, diese beiden Persönlichkeiten von damals gingen in ihren Individualitäten durch die Pforte des Todes, machten in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt alles das mit, was seit jener Zeit eben mitgemacht werden konnte, und erschienen im 19. Jahrhundert wiederum. Derjenige, der Haus und Hof verloren hatte und zu einer Art von leibeigenem Sklaven geworden war, erschien als Karl Marx, der Begründer des neueren Sozialismus. Und der andere, der ihm dazumal seinen Gutshof abgenommen hatte, erschien als sein Freund Engels. Was sie dazumal miteinander auszumachen hatten, das prägte sich um während des langen Weges zwischen dein Tode und einer neuen Geburt in den Drang, das, was sie einander zugefügt hatten, auszugleichen.

Und lesen Sie, was sich zwischen Marx und Engels abgespielt hat, lesen Sie all das, was die besondere Geisteskonfiguration des Karl Marx ist, und halten Sie das damit zusammen, daß im 8., 9. Jahrhundert dieselben Individualitäten ja vorhanden waren, so wie ich es Ihnen erzählt habe. Dann wird Ihnen, ich möchte sagen, auf jeden Satz bei Marx und Engels ein neues Licht fallen, und Sie werden nicht in die Gefahr kommen, in abstrakter Art zu sagen, das eine ist durch dieses in der Geschichte verursacht, das andere ist durch jenes verursacht, sondern Sie sehen die Menschen, die etwas herübertragen in eine andere Zeit, das allerdings ganz anders erscheint, aber doch wiederum eine gewisse Ähnlichkeit mit dem früheren hat.’

Man sieht dann, dass ein solcher Impuls, der da entsteht, einen enormen Effekt gehabt hat. Es ist etwas, was sich eigentlich im persönlichen Leben abspielt, was dann aber allgemeines Etwas geworden ist, das im folgenden Leben gleichsam dazu dringt, zu einem Ausgleich zu kommen, und das wird dann die soziale Revolution. Das ist etwas Enormes, wenn man daran glauben kann. Man kann natürlich auch sagen: was für ein Unsinn. Aber wir gehen hier von der Wahrheit dessen aus, weil wir in dem Zusammenhang der Gedanken in Rudolf Steiners Werk zu Hause sind. Dann ist es schockierend und stimmt zum Nachdenken darüber, wie das von der einen Inkarnation in die andere übergeht.

In den Vorträgen über die Apokalypse für die Priester spricht Rudolf Steiner über das Aufkommen Sorats im 20. Jahrhundert und gibt an, dass der Bolschewismus eine der Äußerungen dieses Erscheinens ist – man darf es nicht gering nehmen. Natürlich ist der Bolschewismus wiederum etwas anderes als der Sozialismus, steht aber durchaus damit in Zusammenhang.

In dem Text, den ich für den Flyer und auf der Webseite gewählt habe, steht ein Stück Text, wo Rudolf Steiner sagt, dass der Sozialismus ohne Dreigliederung unmittelbar das Antisoziale hervorlockt – statt dem, was der Sozialismus wollen würde. Dem Sozialismus liegt natürlich ein aufrichtiger Grund zugrunde, aber die Einsicht in die soziale Sturktur, wie sie im Menschendasein ist, diese Einsicht fehlt, und dadurch wird das, was vielleicht gut gemeint ist, dann dennoch böse.

Es sind in mir bei der Vorbereitung dieses Abends und dieses Wochenendes viele Erinnerungen meiner Jugend hochgekommen, so auch zum Beispiel die Nachrichten im Radio, morgens um acht Uhr von VARA, davor immer die Internationale. Die gesungene Version, wie sie in der Übersetzung von Henriette Roland Holst auf YouTube [ https://youtu.be/-1xPcVS169Y ] zu finden ist, wurde abgespielt. Danach wurde der Text vorgelesen. Dieser Text stammt in der niederländischen Übersetzung von Henriette Roland Holst (1899), der originale französische Text ist von dem französischen Kommunisten Eugène Pottier (1871), die folgende deutsche Fassung von Emil Luckhardt (1910).

Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger
Alles zu werden, strömt zuhauf!

Es rettet uns kein höh‘res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!
Leeres Wort: des Armen Rechte,
Leeres Wort: des Reichen Pflicht!
Unmündig nennt man uns und Knechte,
duldet die Schmach nun länger nicht!

In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute,
wir sind die stärkste der Partei‘n
Die Müßiggänger schiebt beiseite!
Diese Welt muss unser sein;
Unser Blut sei nicht mehr der Raben,
Nicht der mächt‘gen Geier Fraß!
Erst wenn wir sie vertrieben haben
dann scheint die Sonn‘ ohn‘ Unterlass!

Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.

Das ist es, was Rudolf Steiner in den ,Kernpunkten der sozialen Frage’ erläutert, dass es ein verkehrter Begriff für die Sehnsüchte der Arbeiter ist. Dass der Arbeiter in Wirklichkeit in der neuen Zeit verloren hat, was der Handwerker in der Zeit von Hans Sachs noch hatte: Hoffnung und Glaube an den Geist. Der Bürder, der Edelmann, die Edelfrau, die haben das noch. In der Zeit, wo diese soziale Revolution aufkommt, ist die begüterte Klasse noch in ein gewisses geistiges Leben eingebettet, aber der Arbeiter muss ohne dieses auskommen, und das ökonomische Leben ist eigentlich der einzige Maßstab, den sie kennen, und dies wird dann auch zu einem extremen einzigen Maßstab. Es wird das Kampfziel, es geht letztlich nur noch um Arm und Reich und nicht um dasjenige, was das Geistesleben bringen kann. Der geistige Pol ist abgefallen, und das wird nicht erkannt. Rudolf Steiner hat natürlich an einer Arbeiterbildungsschule unterrichtet und hat bei den Arbeitern großes Interesse für alles gefunden, was er zu bringen hatte. Aber die Leiter kamen dahinter, und die wollten das nicht.
Er musste dann gehen... Und auch später ist es eigentlich wieder so gelaufen. Seine Dreigliederungs-Bewegung wurde bei den Arbeitern sehr wohl begriffen, aber die Führer wollten es nicht. Von oben wurde dann eigentlich doch wiederum alles unterdrückt.

Die soziale Dreigliederung, der soziale Organismus, das bedeutet: ein freies Geistesleben, ein Rechtsleben in Gleichheit und ein ökonomisches Leben in Brüderlichkeit. Es ist nicht eine künstliche Dreiteilung eines Ganzen, sondern muss als wirklich drei auf sich selbst beruhende Glieder im sozialen Organismus betrachtet werden. Und diese muss man jeweils da, wo sie leben, zu ihrem Recht kommen lassen. Die Art, wie Rudolf Steiner das 1919 als etwas an der Zeit Seiendes sah – das sagt er selbst –, hätte sich sehr schnell einbürgern müssen, und dann hätte es ein Erfolg werden können. Weil das aber nicht zustande kam, war eigentlich 1921 schon die Schlussfolgerung: Es geht nicht, es gelingt nicht, und worauf es jetzt ankommt, das ist die Befreiung des Geisteslebens.

Wenn wir dann in unsere Zeit schauen, sieht man, wie das Geistesleben in seiner Gänze im Staatssystem gefangen ist, was seine Impulse wiederum sehr stark aus dem Ökonomischen holt. Was Rudolf Steiner also als eine Notwendigkeit gesehen hat, nämlich die Erkenntnis, dass drei gesonderte Welten im sozialen Organismus zu ihrem Recht kommen müssten, das sieht man in unserer Zeit in einen hoffnungslosen Knoten geraten. Man kann sich fragen: Wie müsste dieser entwirrt werden, welche Form müsste die soziale Dreigliederung in dieser Zeit erhalten? Wenn wie damals, 1919, eine Gelegenheit käme, in ein neues System zu kommen, wie müsste das dann heute gestaltet werden? Was in jedem Fall über Wasser bleibt, ist das Haupt des Menschen, das freie Geistesleben. Das ist etwas, was zuerst nach Erkenntnis und Erforschung und Antwort auf die Frage verlangt: Was ist nun genau das freie Geistesleben?
Ich zitiere aus: ,Das Ereignis der Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt’ Dies sind Vorträge, die viel früher gehalten wurden, lange vor der Entfaltung der sozialen Dreigliederung.

,Und der Mensch kann fühlen, je mehr er sich vervollkommnet, daß der Heilige Geist aus seinem eigenen Innern in dem Maße spricht, als das Denken, Fühlen und Wollen des Menschen durchdrungen ist von diesem Heiligen Geist, der durch seine Spaltung, seine Vermannigfaltigung ein individueller Geist auch ist in jeder einzelnen Menschenindividualität. Dadurch ist dieser Heilige Geist für uns Menschen in bezug auf unsere Zukunftsentwickelung der Geist der Entwickelung zum freien Menschen, zur freien Menschenseele. Der Geist der Freiheit waltet in dem Geist, der sich ausgegossen hat über die ersten Versteher des Christentums am ersten christlichen Pfingstfest, der Geist, dessen bedeutsamste Eigenschaft von dem Christus Jesus selber angedeutet wird: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!“
Frei werden kann der Mensch nur im Geiste. Solange er abhängig ist von dem, worin sein Geist als in seiner Leiblichkeit wohnt, so lange bleibt er ein Sklave dieser Leiblichkeit. Frei werden kann er nur, wenn er sich im Geiste wiederfindet und aus dem Geiste heraus Herr wird über das, was in ihm ist. «Frei werden» setzt voraus: sich als Geist finden in sich selber. Der wahre Geist, in dem wir uns finden können, ist der allgemeine Menschengeist, den wir als die in uns pfingstlich einziehende Kraft des Heiligen Geistes erkennen, den wir in uns selber gebären müssen, zur Erscheinung kommen lassen müssen. So verwandelt sich für uns das Pfingstsymbol in unser gewaltigstes Ideal der freien Entwickelung der Menschenseele zu einer in sich geschlossenen freien Individualität.’

Den wirkenden Geist an die Stelle des gedachten setzen heißt, in dieser Zeit die soziale Grundforderung empfinden.

Dann kommt es darauf an, dass wir den Unterschied zwischen dem wirkenden Geist und dem gedachten Geist endlich erleben lernen. Dass man lernt, zu erleben, dass der Geist im gewöhnlichen Gedankenleben nicht wirkend ist, nicht einmal bei Hegel und Fichte. Dass wir mit dem Denken etwas tun müssen, um es so weit zu bringen, dass der gedachte Geist zum wirkenden Geist wird. Ein Geist, der nicht nur spiegelt, sondern der wirklich produktiv ist. Dann können wir auch selbst unterscheiden lernen, dass es auch ein selbstständiges, auf sich selbst beruhendes Rechtsleben geben muss, was vom Ökonomischen losgelöst ist und was auch in gewissem Sinne vom Geistesleben frei sein muss, auch wenn es daraus natürlich die Inspiration holt, wie das Herz und die Lunge auch Nervengewebe haben, sie können nicht ohne. Und dann ein drittes Gebiet des ökonomischen Lebens, das auf sich selbst beruhen muss, nicht bestimmt durch den Staat und durch das Geistesleben nur inspiriert, aber ein ökonomisches Leben, wo die Gegebenheiten und Gaben, die die Natur schenkt, das, was der Mensch an Bedürfnissen hat, und das, was es für Produktionsmöglichkeiten gibt, dass das bestimmt, was das ökonomische Leben ist.

Wir hatten uns für diese drei Tage vorgenommen, insbesondere noch einmal das freie Geistesleben zu betrachten, wie wir das hier in Rotterdam schon seit vielen Jahren tun, jedoch nicht mit dem Blick auf die soziale Dreigliederung wir wollten das jetzt einmal ganz ausdrücklich mit dem Blick auf die soziale Dreigliederung tun. Es darf dann eine wirkliche Freiheit des Geisteslebens erwartet werden, wenn die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus durchdringen wird. Wie ein Mensch, wenn man ihn betrachtet, im Körper nicht überall dasselbe ist, als ob es eine Holzpuppe wäre, wo alles außer der Form dasselbe ist. Der Mensch ist in drei Gliedern Bürger dreier verschiedener Welten. Mit dem Haupt bis in die Fixsterne, mit dem Herzen bis ins Planetensystem, die Sonne, und mit den Füßen auf Erden. Drei Glieder, drei Welten, drei voneinander getrennte Welten.
Darin müssen wir uns vertiefen, wenn wir diese wunderbare soziale Dreigliederungsidee Rudolf Steiners erfassen wollen, die natürlich dennoch überhaupt nicht so leicht ist in die Details zu erfassen ist. Es gibt darüber eine Reihe von Vortragsbänden, durch die man aufgeweckt werden kann, da immer weiter einzudringen. Die soziale Dreigliederung haben wir jetzt als Thema. Wir werden uns jetzt, morgen zuerst in das Geistesleben vertiefen, vom sozialen Gesichtspunkt aus. Wir leben in der Zeit der Bewusstseinsseele, und die Bewusstseinsseele will sich ihrer selbst wirklich bewusst werden und will auch alle Erkenntnis, die sie erwirbt, ins Bewusstsein bringen. Nicht so, dass man an einer Lehrstätte für Anatomie eigentlich sieht, dass der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist, sondern wir wollen bewusst werden, wir wollen alles wirklich bis ins klare Bewusstsein bringen. Wir wollen uns vervollkommnen; wir wollen im freien Geistesleben nach dem Geist der Wahrheit streben, wir wollen im Rechtsleben nach dem Geist der gleichen menschlichen Rechte streben; und im ökonomischen Leben wollen wir nach einem Leben in Brüderlichkeit mit dem Mitmenschen streben.

Als Kontrast zur ,Internationalen’ will ich mit den letzten vier Minuten aus der Neunten Symphonie von Beethoven schließen. Auch eine Internationale, aber mit einer ganz anderen Gemütsbewegung. Der Text der gesungenen Musik stammt von Friedrich Schiller, es ist das Gedicht ,Ode an die Freude’, ein Loblied auf die Freude, die Freundschaft und die Brüderlichkeit: Alle Menschen werden Brüder! Die Freude kann man als den freien Geist sehen, die Freundschaft als die gleichen Herzen und die Brüderlichkeit lebt in der gegenseitige Sorge um Wohlstand und Wohlergehen.

(Die Musik wird gehört).

Sie wissen vielleicht, dass Rudolf Steiner einen Fragebogen ausgefüllt hat, wo er seine Vorlieben angeben musste. Essen: Frankfurter Wurst; Getränk: Kognak; Musik: Beethoven.

O Freunde, nicht diese Töne!
Sondern laßt uns angenehmere anstimmen
und freudenvollere!
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken,
Himmlischer, Dein Heiligtum!
Deine Zauber binden wieder,
Was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
Wo Dein sanfter Flügel weilt.
Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!
Ja, wer auch nur eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer‘s nie gekonnt, der stehle
Weinend sich aus diesem Bund.
Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur;
Alle Guten, alle Bösen
Folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reben,
Einen Freund, geprüft im Tod;
Wollust ward dem Wurm gegeben,
Und der Cherub steht vor Gott!
Froh, wie seine Sonnen fliegen
Durch des Himmels prächt‘gen Plan,
Laufet, Brüder, eure Bahn,
Freudig, wie ein Held zum Siegen.
Seid umschlungen, Millionen.
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder! Über‘m Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahnest Du den Schöpfer, Welt?
Such‘ ihn über›m Sternenzelt!
Über Sternen muß er wohnen.

Hinweise:
1 Rudolf Steiner, GA 342, S. 202 ff
2 Rudolf Steiner, GA 236, S. 20 ff