Die Seele, das Ich und der Geist

09-03-2019 von Mieke Mosmuller

Weil die Seele alle Möglichkeiten in sich trägt, kann sie den richtigen Weg zur Mitte nicht in sich selbst finden.

Sie ist die ,Allbegabte’, aber sie ist auch der Schauplatz, wo der Kampf um die wahre Menschlichkeit stattf ndet. Alle denkbaren Kräfte kämpfen um sie, um sie in ihrer vollen Kraft zu erlangen. Alles, was wir auf Erden erleben müssen, jeden Kampf, jeden Schmerz, aber auch alles Glück und Frieden sind Zeichen dieses Weltenkampfes in der Weltenseele.

Der Mensch ist nicht nur mit einer Seele begabt, er hat auch eine andere Instanz, ein Wesensglied, das auf Erden entwickelt werden muss, das noch ,jung’ ist, das aber zugleich auch eine Instanz ist, die urteilen und formen kann. Diese Instanz kann das ,Ich’ genannt werden, aber nur, wenn wir es nicht mit dem vornehmlich egoistischen ,Ich’ vermischen, das ein Teil der Seele ist. Das ,Ich’, das hier gemeint ist, ist noch nicht das höhere Selbst, aber es ist auch nicht das niedere Selbst. Es ist das Wesen, das sich von der Seele lösen kann und ein reines Denken formen kann, das aus der Seele kommt, das aber auch ein innerer Zuschauer ist, ein Denken des Gedankens an sich, und eine Macht, die aus diesem selbstbewussten Denken entsteht, das sich zur Seele umdrehen und sie so formen kann, dass sie sich verändert.

Diese Veränderungen werden Eigentum der Seele selbst. Sie braucht keiner höheren Instanz zu gehorchen, sondern sie ist durch das Ich zu einem reinen Wesen, einer reinen Seele geformt worden. Dieser Prozess wird ,Katharsis’ genannt. Das Ich ist Bruder, Freund und Lehrer der Seele. Wenn die Zeit kommt, dass sie ein reines Wesen ist, welches der Zwilling des Ich ist, dann trägt sie den Namen, der auf die Sehnsucht aller Weisheitssucher, aller Philosophen hindeutet: Sophia.

Wenn wir bedenken, dass die Seele nicht nur ein individuelles Wesen ist, sondern auch ein Wesen, das mit allen anderen Seelen in der Welt-Seele geteilt wird, können wir uns denken, wie das Werden einer Seele zur Sophia einen Einfluss auf alle anderen Seelen hat. Darum kann die Katharsis nie als eine egoistische Aktivität angesehen werden, welche nur eigenem Glück und Seligkeit dienen würde. Sie wird immer einen Einfluss auf die Welt im Ganzen haben.

Kriege in der Welt können als Kämpfe betrachtet werden, die in der Seele ausgekämpft werden müssten. Weil dies nicht auf die richtige Weise geschieht, wird es äußerlich Krieg. Pazifsmus müsste eigentlich eine Aktivität der Katharsis aller friedensuchenden Seelen sein. Doch es ist nicht nur das Denken, dass sich in dieser Katharsis verändert. Denken macht es möglich, sich auf eine bewusste Weise zu ändern, das bedeutet in Freiheit. Aber durch das Verändern unserer Seele in ein wahrhaftig vermittelndes Wesen fndet sie auch den Weg zu einem reinen Gefühl und einem völlig bewusst motivierten Handeln, das mehr und mehr in völliger Harmonie mit dem steht, was wir das Gewissen nennen. Das Gewissen wird eine Kraft, die nicht mehr nach dem Handeln sprechen muss, es wird vor dem Handeln sprechen – und wir werden dieses Sprechen als Sprechen mit unserer eigenen Stimme erleben. Das Ich, die Seele und die Stimme des Gewissens werden eins sein.

In dem Maße, in dem die Seele durch die Arbeit des Ich zur Sophia wird, wird das Selbstbewusstsein eine spirituelle Qualität. Allmählich kommt der Geist in unsere Nähe, und Ich und Seele entwickeln sich in ,Geistselbst’, wo der Geist kein Wesen außerhalb des Ich und der Seele mehr ist, sondern ein Ganzes mit ihnen als ,Selbst’.

Dies ist ein apokalyptischer Text, in modernen Worten gesagt.

JohannesPatmos
Johannes der Evangelist auf Patmos,
Hieronymus Bosch, 1489- 1499