Dionysius Areopagita

02-02-2019 Artikel von Jos Mosmuller

Johann Fercher von Steinwand war ein großer österreichischer Dichter. Er lebte in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in Wien. Das Schönste, was er geschrieben hat, hat Rudolf Steiner ihm in der Zeit entlockt, als er noch Student in Wien war. Er fragte ihn: ,Haben Sie vielleicht noch etwas Kosmisches geschrieben?’ Fercher bejahte dies und nahm darauf zwei Texte mit zum Café, wo sie einander jedes Mal trafen: Chor der Urträume und Chor der Urtriebe. Vier Teilnehmer haben das Gedicht Chor der Urtriebe während des Himmelfahrtseminars im Berner Oberland 2017 rezitiert, und dies war eine großartige Erfahrung. Rudolf Steiner hat viel später, als er bereits spiritueller Lehrer war, über Johann Fercher von Steinwand gesagt, dass dieser in einer früheren Inkarnation in der vorchristlichen Zeit im alten Griechenland gelebt hat.

Dabei will ich gerne anknüpfen. Ich möchte eine Reise ins Altertum machen, in die Jahre um 50 nach Christus, nach Athen. Wir sehen da einen Mann durch das schöne alte, klassische Athen gehen – man muss sich vorstellen, dass Athen eine sehr bekannte Stadt war, durch die Philosophen und die Eingeweihten. In dieser Zeit war es eine Provinz des Römischen Reiches, hatte viel von ihrer Größe verloren, war aber noch immer das Zentrum von Kunst und Philosophie.

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Der Areopag unterhalb der Akropolis

Dieser Mann sah eine Stadt voller Tempel und Götterbilder, 3000 Altäre waren den griechischen Göttern geweiht. Er war sehr verwundert, als er auch einen Altar fand, auf dem geschrieben stand: einem unbekannten Gott geweiht. Wir finden diesen Mann in der Apostelgeschichte, Kapitel 17, beschrieben – es ist Paulus. Paulus besuchte Athen mehrmals, aber diesmal sagten die Menschen ihm: ,Du musst einmal zum Areopag gehen.’ Das war ein Berg, wo Recht gesprochen wurde, das Wort Areopag wird bis heute in Griechenland für die Rechtsprechung verwendet.

Der Areopag liegt in der Nähe der Akropolis, darauf das große Bildnis von Pallas Athene. Paulus ging nicht zur Akropolis, er ging zum Areopag. Da sagte man ihm: ,Hier wird nicht nur Recht gesprochen, sondern auch philosophiert, und wenn du willst, kannst du eine Rede halten.’ Das hat er getan, und er ging von der Entdeckung des Altars mit der Inschrift ,Für einen unbekannten Gott’ aus. Er sagte: ,Darüber will ich zu euch sprechen, denn diesen Gott kenne ich. Dieser Gott hat in Palästina gelebt, ist am Kreuz gestorben, aber nach drei Tagen aus dem Tod auferstanden.’

Sehr viele Griechen gingen nach seiner Rede enttäuscht weg. Die Griechen, die Athener, waren lieber ein Bettler in dieser Welt als ein König im Reich der Verstorbenen. Sie hörten nicht gern vom Tod sprechen. Einen solchen Gott hielt man nur für einen Sklaven, denn Sterben am Kreuz war etwas für einen Sklaven. Und an die Auferstehung konnten sie nicht glauben… Aber ein Zuhörer war, neben einigen anderen, geblieben. Dieser eine war Ratsherr des Areopag, und bei ihm war Amaris, eine Frau, die auch blieb. Sie nahmen an, was Paulus erzählte.

Später wurde dieser Ratsherr – nach dem Historiker Eusebius – der erste Bischof von Athen: Dionysius Areopagita. Er war Bischof einer kleinen Christengemeinde, die dort gegründet wurde. In dieser äußeren Geschichte ist jedoch nicht bekannt, dass er von Paulus die Aufgabe erhielt, eine Mysterienschule zu gründen. Paulus war ein Eingeweihter und hat Dionysius sehr viel von seiner Weisheit offenbart. Er war ursprünglich Mitglied der Mysterienschule der Pharisäer und war schon als Pharisäer in viele okkulte Geheimnisse eingeweiht. Durch das Geschehen vor Damaskus hat er den Auferstandenen geschaut und sich hierdurch zu großer Höhe entwickelt. Er hat Visionen und Erleuchtungen gehabt, Offenbarungen empfangen, wie der Mensch mit Hilfe der Hierarchien immer höher und höher in die geistige Welt aufsteigen kann. Diese geheime Lehre hat er an Dionysius weitergegeben.

Diese Hierarchienlehre von Dionysius wurde nicht aufgeschrieben, sondern, wie es am Anfang des Christentums durch das enorme Gedächtnis noch möglich war, von Mund zu Mund übertragen. Erst im sechsten Jahrhundert lebte ein Mann, der auch Dionysius Areopagita hieß und der in der modernen Zeit Pseudo-Dionysius Areopagita genannt wird, der ein großes Werk geschrieben hat: Corpus Dionysius Areopagita. Er ist derjenige, der aufgeschrieben hat, was mündlich von einem Dionysius auf den anderen übertragen wurde. Es ist kein Mysterienwerk, sondern als Anweisungen gemeint, wie man durch Transzendenz zu Gott kommen kann. Es sind drei Bücher. Das erste: Die göttlichen Namen; das zweite: Das Buch über die Hierarchien und über die mystische Theologie; das dritte Buch sind Die zehn Briefe.

Das erste Buch beschreibt, wie man auf verschiedene Weisen zur Erleuchtung und zu Gott kommen kann. Der erste Weg ist die Offenbarung. Gott ist namenlos, kann nicht benannt werden. Man kann nur umschreiben und sagen: Gott ist Güte, Gott ist Schönheit, Gott ist Liebe. Es kann dann noch eine Unterteilung gemacht werden: Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der heilige Geist. Eine andere Möglichkeit ist, dass man in Emanation von Gott durchdrungen wird. Gott emaniert im Menschen. Dann gibt es die Epektasis, wo sich wie im Alten Testament der Mensch selbst zu Gott aufrichten kann, indem er bestimmte Gefühle in sich weckt. Dies alles nannte man die kataphatische Theologie, die positive Theologie. Man versuchte, genaue Ausdrücke zu finden, um Gott zu charakterisieren, so dass man einigermaßen Zugang zu Seinem Wesen finden konnte.

Die mystische Theologie dagegen geht von der apophatischen Theologie, der negativen Theologie aus. Man nimmt negative Aussagen und sagt: Gott geht noch darüber hinaus. Gott ist nicht einfach gut, sondern geht in einer Weise darüber hinaus, die wir nicht erfassen können. Meister Eckhart im 13. Jahrhundert geht darauf zurück und gründet seine Mystik auf die negative Theologie, aber auch auf die kataphatische Theologie. Meister Eckhart spricht mehrmals negative Dinge über Gott aus und will damit dann andeuten, dass Gott darüber hinaus geht.

Das zweite Buch über die himmlischen Hierarchien: Gott hat sich in den drei Triaden der himmlischen Hierarchien emaniert. Die erste Hierarchie empfängt das Licht und die Liebe von Gott direkt als Emanation. Die zweite und die dritte Hierachie empfangen dies nicht direkt von Gott, sondern empfangen es aus den ,Händen’ der über ihnen stehenden hierarchischen Wesen. Zugleich wird hierin die kirchliche Hierarchie beschrieben. Hier gibt es zwei Triaden. Die erste Triade besteht aus den Bischöfen, den Priestern und den Diakonen. Die zweite Triade besteht aus den Mönchen, dem heiligen Volk, den Katechumenen und den Büßern. Die Liturgie ist dann ein Abbild der kosmischen Liturgie. Die Päpste trugen die Tiara, eine metallene Mitra mit drei Kronen. Papst Paulus VI. war der letzte, der die Tiara noch getragen hat. Papst Benedictus XVI. hat damit aufgehört. Die Tiara enthält drei Kronen, diese sollen bedeutet haben, dass der Papst hierdurch in Verbindung mit den höheren Hierarchien stand. Offiziell wird gesagt: Der Papst hat die Herrschaft über alle Könige und steht in direkter Verbindung mit Christus. Die Zehn Briefe geben die göttliche Finsternis wieder. Durch Transzendenz kann der Mensch zum göttlichen Licht durchdringen. Ein Beispiel ist, wie Moses auf den Berg geht, eingehüllt in finstere Wolken, die immer dunkler werden ... bis Gott kommt und ihm die steinernen Tafeln mit den zehn Geboten gibt.

Bei Dionysius finden wir zugleich den Unterschied zwischen Eros und Agape. Eros ist die selbstsüchtige, menschliche Liebe. In Platos ,Symposion’ spricht Sokrates mit seinen Schülern und fragt: ,Was ist Eros?’ Die Gäste des Mahls antworten: ,Eros ist ein Gott.’ ,Nein’, sagt Sokrates, ,er ist kein Gott, sondern ein Wesen, das zwischen den Göttern und den Menschen vermittelt.’ Eros hat eine intensive Begierde nach Schönheit, aber weil er diese so stark hat, ist er selbst nicht schön. Von Eros kann man die wahre Liebe nicht bekommen. Er gibt die selbstsüchtige Liebe, die Begierde.

Agape dagegen kommt von Gott, es ist die Liebe, die nicht selbstsüchtig ist, die selbstlos ist; sie ist von Gott gegeben. Die großen katholischen Denker im Mittelalter, wie Thomas von Aquin und Albertus Magnus, versuchten, Eros und Agape zusammenzubringen. Luther trennt dann beide gerade wieder und sagt: Nein: Agape ist das Göttliche, Eros ist das Menschliche! Das geht nicht zusammen!’

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Pseudo Dionysius Areopagita

Bei Pseudo-Dionysius finden wir den Versuch, beide zu vereinigen: Eros und Agape befinden sich auf demselben Niveau, eigentlich sind sie gleich. Er ruft damit etwas auf, was nicht verstanden wird, und ein Mann wie Luther kann dies unter keinen Umständen akzeptieren. Aber Dionysius sagt: Weil Christus sich auf Erden in einen Menschen begeben hat, hat er Eros verwandelt. Es wird dann sogar gesagt: Christus ist der höchste göttliche Eros. Christus hat Eros auf das Niveau von Agape gebracht – und also kommen sie tatsächlich zusammen.

Dies bringt einen auf den Gedanken von dem niederen Ich, das sich mit dem höheren Ich vereinigt. Was sagt nun Rudolf Steiner über Dionysius Areopagita? Im Band ,Perspektive der Menschheitsentwicklung’, GA 204, sagt er, der wirkliche Dionysius Areopagita hatte die Absicht, die ätherische Astronomie mit dem Christentum zu verbinden. Was ist ätherische Astronomie? Das ist, dass Christus, das Sonnenwesen, sich mit Jesus verbunden hat und so die ganze Hierarchienwelt mit zur Erde genommen hat. Seit Christus ist die Hierarchienwelt nicht mehr nur im Kosmos, der geistigen Welt, sondern hat sich mit der Erde verbunden. Hier auf Erden können wir die Hierarchien finden. Die Präexistenz (das Vorgeburtliche) hat sich so auch mit der Erde verbunden. Alles, was der Mensch ist, verbindet sich durch Ihn mit der Erde.

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Pseudo-Dionysius – Manuskriptkunst

Was Dionysius gebracht hat, hat man als neoplatonisch gedeutet. Er sieht es so: Will der Mensch zu Gott kommen, dann muss er sich über den Verstand hinausentwickeln, dies muss er durch die anaphatische Theologie, also durch die negative Theologie tun. Geht man von dem Positiven aus, bleibt man im Verstand; sucht man diesen zu leugnen, kommt man in das ,Überverständliche’. Augustinus hat in seiner Seele nach Gott gesucht. Er suchte die geistige Welt in seiner Seele, aber er konnte sich nicht ganz zu ihr erheben, die Wirkung der materiellen Welt war zu stark. Er gab sich schließlich demütig der Mutter Kirche hin, hat jedoch sehr in sich gekämpft, um die richtigen Auffassungen zu finden.

Rudolf Steiner beschreibt, dass Kaiser Konstantin der Große die katholische Kirche bereits ganz zu einer Institution gemacht hat. So wurde das Christentum mit einer Institution verbunden, und Kaiser Justinian (529) hat dann den Rechts-Codex gebracht und damit die Dogmatik in der Kirche völlig bestätigt. Er hat auch die Philosophenschule in Athen geschlossen, die noch auf Dionysius zurückging. Die Philosophen mussten nach Persien auswandern, nach Gondishapur.

Dennoch konnte man in dieser Zeit noch mittels der alten platonischen Mysterienweisheit in Verbindung zur geistigen Welt kommen. Diese Weisheit wirkte weiter bis in die Schule von Chartres. Man verstand das Christentum noch als ein kosmisches Christentum und kannte auch die Hierarchienlehre noch sehr gut und lebendig. Aber die Dogmatik wurde immer stärker. Im 13. Jahrhundert kommt die Scholastik auf und wird der Verstand so stark entwickelt, dass er das Fundament für die spätere Naturwissenschaft werden kann. Die Verbindung mit der ätherischen Astronomie ist dadurch ganz zerbrochen.

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Neun Engelchöre nach Dionysius.
Mosaik in der Kuppel des Baptisteriums in Florenz

Die Anthroposophie bringt der Menschheit das großartige Geschehen der Auferstehung von Christus in der Ätherwelt im 20. Jahrhundert zu Bewusstsein. Durch das stark aufkommende materialistische Denken im 19. Jahrhundert kam es zu einer derartigen Verfinsterung in der geistigen Welt, dass Christus hier gleichsam einen Erstickungstod durchgemacht hat, aber daraus von neuem auferstanden ist. Diese auferstandene Gestalt wird im Laufe des 20. Jahrhunderts für immer mehr Menschen sichtbar. So können wir uns jetzt von neuem über den Verstand hinausentwickeln. Wie Dionysius dies in der alten Zeit mit Hilfe der negativen Theologie tat, so können wir dies jetzt auf eine ganz neue Weise. Wir können eine Auferstehung im Denken zustandebringen, dank der Auferstehung von Christus in der ätherischen Welt. Die ätherische Astronomie kommt dann von neuem in unsere Reichweite.