Eindrücke der Tagung in Ansbach: Der Graf von Saint Germain und die Musik

20-03-2018 Artikel von Dominik Rentsch & Peter Rippen

In der geschichtsträchtigen Stadt Ansbach finden sich vom 6.-8.Oktober 2017 gut siebzig Menschen zusammen, die mehr über Leben und Werk des Grafen von Saint Germain erfahren wollen. Stürmisch und herbstlich kalt ist es draußen, drinnen aber wird man warm und herzlich in einem fürstlichen Saal der Orangerie empfangen.

Orangerie
Ansbacher Orangerie

Der Auftakt des Musiker-Ensembles mit den Trio-Sonaten des Grafen lässt aufhorchen. Was für eine Individualität muss das gewesen sein, der neben seinen bekannten politischen Missionen auch wundersame Kompositionen im Stil seiner Zeit aufgeschrieben hat und zudem selbst ein exzellenter Geigenspieler war?

Von Jos Mosmuller und Thomas Senne erfahren wir mehr über die geschichtlichen Eckdaten und politischen Verhältnisse dieser Zeit, Erzählungen und Zeitdokumente wie auch Mystisches aus der Gerüchteküche über den Grafen von Saint Germain werden erläutert.

Damit stellt sich aber auch die Herausforderung, in sich selbst einen Punkt zu finden, der über Vermutungen und verstandesmäßiges Erfassen dieses Menschen hinausführt.

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Jos Mosmuller                                                Thoman Senne

Angefangen werden muss aber doch mit dem, was eben bekannt ist.

Das Geburtsjahr wird mit 1696 datiert, beim Ort verdichtet sich unter Geschichtsforschern die Annahme, dass das Kind bei Cluy in Siebenbürgen (heute Rumänien), als Sohn des Fürsten von Transsylvanien Franz Rakoczy II zur Welt kam. „Leopold Georg Rakoczy“ soll später aus politischen Gründen heimlich nach Italien gebracht worden sein, wo er fern seiner Heimat aufwächst und schließlich mit 50 Jahren erstmals unter diesem Namen in der Öffentlichkeit auftritt. In 1784 wird sein Name „Graf von Saint Germain“ offiziell ins Sterberegister in Eckernförde (D) eingetragen.

Mit Musik aus der Geburtsgegend Saint Germains eröffnet Mieke Mosmuller ihre Vorträge: Der Rakoczy-Marsch von Liszt: zwischen Wucht und Zierlichkeit, Sentimentalität, Tragik, feurigen und sehnsüchtigen Passagen oder unerwarteten Wendungen führt uns der Verlauf der Komposition in ein Wechselbad der Gefühle, was auch etwas über die Seelenstimmung dieses Volkes (Magyaren) aussagen mag, das damals in einem Freiheitskampf stand.

Der Ätherleib eines Menschen wird unter anderem auch stark durch die Gegend geprägt, in der er geboren wird und diese Prägung kann als Ausdruck dann in der Musik wieder hörbar werden.

Mieke_Mosmuller
Mieke Mosmuller

Mieke Mosmuller erläutert, dass wenn wir nun also die Kompositionen des Grafen von Saint Germain in diesen Tagen wiederholt hören dürfen und auf uns wirken lassen, darin etwas Wesenhaftes zu finden ist, was uns mit der Individualität des Grafen verbinden kann.

Das reine Urbild, das in der Musik verborgen liegt, kann uns zum Instrument der Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit werden, wie es zum Beispiel auch eine Bildmeditation des Rosenkreuzes sein kann:

Das Kreuz als Verwandlung der Triebhaftigkeit (rotes Blut) hin zur Reinheit, wie der Saft der Rose...

So kommt uns der Rakoczy-Marsch im Vergleich zu der Musik des Grafen blutschwer und leidenschaftlich getrieben vor, während Saint Germains Stücke leicht, bewegt und mit humorvoller Ernsthaftigkeit wie gereinigt erklingen.

Dass diese reine Wahrhaftigkeit in der Musik als individuelles Wesen erlebt werden kann, das dürfen wir in diesen Tagen anstreben.

Publikum
Publikum, Saint Germain Tagung

Die Musiker, alle aus dem Freundeskreis von Mieke Mosmuller, begleiten uns auch weiterhin gekonnt durch die drei Tage und berühren durch ihre Ausstrahlung. Die Melodien klingen dann auch Abends weiter nach und es findet eine zarte Vertiefung des Erlebens statt.

Im Verlaufe der Vorträge steigen wir tief in die Geistesgeschichte der Menschheit ein. Mieke Mosmuller weist uns auf die Verbindung von Saint Germain mit der Tempellegende hin. Salomo und Hieram können wir als Vertreter von zwei unterschiedlichen „Menschenarten“ sehen, die sich auch schon bei Kain und Abel zeigen und sich dann in verschiedensten Erzählungen immer wieder spiegelt.

Die eine Strömung ist mehr dem Priesterlichen (passiven) zugewandt, die Andere mehr der aktiven Seite, der Wissenschaft, der Kunst und Technik.

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Thomas Senne

Und da finden wir dann eine Berührung zu Saint Germain, der als Alchimist zeitlebens versuchte, das Wesen aller Materie zu verstehen, als Künstler mit Musik die Menschen erfreute, zahlreiche Sprachen beherrschte, an Erfindungen technischer Art forschte und in politischen Missionen Europa zu einen versuchte...

Am zweiten Tag versuchen wir mit Mieke die spirituelle Bedeutung von Saint Germain zu ergründen und erfahren mehr über die Inkarnationsreihe dieser Individualität. In den Angaben von R. Steiner kommen Hieram, Lazarus Johannes und Christian Rosenkreutz als bekannte Inkarnationen Saint Germains vor, weitere soll es gegeben haben die aber nur der hellseherischen Forschung offenbar werden.

Sie alle haben aber nach dem gestrebt (und es auch verwirklicht), was man die chymische Hochzeit (Vereinigung mit dem Wesen des Kosmos) und oder die mystische Hochzeit (der Weg nach Innen, Vereinigung mit dem eigenen Wesenskern) nennt.

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Margareta Bannmann, Rezitation

Mieke Mosmuller vertiefte weiterhin für uns die unsichtbaren Beziehungen von Saint Germain zu Lazarus Johannes und Christian Rosenkreutz.

Ebenfalls von Steiner gibt es die Aussage, dass Saint Germain / Christian Rosenkeutz mit Pausen von zwölf Jahren ständig inkarniert sei und was die Frage nach sich zieht: wo ist die Individualität das Grafen jetzt?
Die überraschende Antwort von Mieke: hier, jetzt...geistig oder/und physisch.
Entscheidend ist wohl unsere bewusste innere Zuwendung zu Ihm hin, dann kann und will er unser Freund und Bruder sein.
Da Saint Germain in seiner Zeit den Wissenschaften sehr zugeneigt war und sich auch um die zukünftigen technischen Erfindungen Gedanken machte, darf er wohl auch in der heutigen Zeit da angetroffen werden, wo der entscheidende Kampf um die menschliche Seele stattfindet. Vieles bleibt hier unbenannt, was in der Fülle dieser drei Tage besprochen wurde, aber die Tagung beschenkte die Teilnehmer mit reichhaltigen Eindrücken.

Thomas Senne liess neben seinen stilvollen Ausführungen immer wieder Zeitzeugen Saint Germains gekonnt durch die Rezitatorin Margarethe Bannmann zu Wort kommen, womit die „Vorstellung“ dieser Zeit nochmals verlebendigt wurde.

Die Musik weckte Sehnsucht nach geistiger Empfindung und Mieke Mosmuller bereitete den Weg zur eigenen geistigen Bewegung, um damit allmählich auf den Spuren der großen Eingeweihten zu wandeln.

(Text: Dominik Rentsch)

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Im Städtchen Ansbach im Süden von Deutschland, in der nahe dem Stadtzentrum gelegenen Orangerie, fand vom 6. bis 8. Oktober eine Vortragsreihe über – wie es in der Ankündigung hieß – den ,Graf von Saint Germain und die Musik’ statt. Die Vorträge wurden abwechselnd von Mieke und Jos Mosmuller und Thomas Senne gehalten, und hier wurden verschiedenste Aspekte der schillernden Figur St. Germains beleuchtet.

Weil der musikalische Aspekt an diesem Wochenende im Zentrum stand, wurden die Vorträge täglich von der Musik eines Gelegenheitsensembles umrahmt. Dieses Ensemble hat sich seit Anfang 2017 dem Einstudieren eines kleinen Teils des musikalischen Werkes von Saint Germain gewidmet: der Arie ,Per Pietá bell’Idol mio’, der Triosonate in F für zwei Geigen und basso continuo und die ersten drei Solosonaten für Geige und basso continuo.

Triosonate
Triosonate mit Samara Bertsch, Peter Rippen und Renate Kroese

Ich selbst hatte als Spieler des Spinetts (kleine Klavizimbel) die Ehre, Teil dieses Ensembles sein zu dürfen.

Es wurde viel Spannendes über die Person des Grafen von St. Germain gesagt und geschrieben, nicht zuletzt während der oben genannten drei Tage. Mit dem, was ich hier schreibe, beschränke ich mich gern auf die Musik von St. Germain, die wir in diesen drei Tagen aufgeführt haben und mit der wir während des vorbereitenden Übens das Jahr hindurch intensiv beschäftigt waren.

Neben den vielen Qualitäten, die er hatte, war der Graf von St. Germain nämlich auch Komponist und Geiger. Wie er uns auf jener einen Abbildung freundlich und mit klarem Blick anschaut, ist er als ein Mensch des 18. Jahrhunderts gekleidet und hätte also – in seinem langen Leben – Händel begegnen können, oder Telemann, Haydn, den Söhnen von J. S. Bach oder sogar Bach selbst. Oder, später im 18. Jahrhundert, dann Mozart.

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Ine Blom, sopran               Bert Verschoor, fagot

Aber während die oben genannten bekannten Komponisten, auch wenn sie ihre Eigenheit haben, doch in eine Stilepoche passen, wodurch ihre Musik innerhalb dieser Epoche auch gemeinsame Merkmale zeigt, ist dies bei St. Germain weniger der Fall. Vielleicht weil seine Musik kaum beim großen Publikum bekannt ist, vielleicht aber auch, weil es hier um einen derart ,freien Geist’ geht, dass er sich in gewissem Maße zwar an kompositorische Regeln hielt, gern aber auch darüber hinausging.

Bevor dies nun zu allgemein und theoretisch wird, will ich gerne kurz auf die in Ansbach aufgeführte Musik St. Germains zurückblicken, wobei ich teils wiedergebe, wie wir sie als Ensemble erlebt haben.

Die oben erwähnte Triosonate in F wurde am Ende jeden Tages und zudem am Beginn des ersten Tages gespielt. Es ist ein Musikstück für drei Stimmen: zwei Geigen und ein Cello, wobei die Klavizimbel die Harmonien ,auffüllt’.

Insbesondere die beiden schnellen Teile sind größtenteils polyphon: die drei Stimmen gehen ihren eigenen Weg, manchmal einander imitierend, manchmal wieder kurz zusammenkommend. Vor allem über das Rhythmusgefühl mussten die beiden Geiger stark ,in den Stiefeln stehen’, um einander nicht zu verlieren ... was ihnen gelang. Außerdem wurden sie – bezeichnend für diese Triosonate – manchmal einige Takte lang ihrem Schicksal überlassen: diese Takte waren ohne den Bass komponiert.

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Renate Kroese und Raphaela Kühne

Charakteristisch sind auch die plötzlichen kurzen Übergänge von Dur nach Moll und wieder zurück. Die vielen Wiederholungen von Motiven fallen auch auf, wodurch wir beschlossen haben, einige vorgeschriebene Wiederholungen doch auszulassen.

Großartig, lyrisch-dramatisch, ist der dritte der vier Teile (Andante amorosissimo).

Auch die übrigen Werke, die Arie und die Solosonaten, wurden jeweils mehrmals während der drei Tage aufgeführt. In der Arie durfte das ganze Ensemble in Aktion treten: Sopran, zwei Geigen, das Cello, das sehr flexibel den Teil der Altgeige spielte, und basso continuo, diesmal aus Fagott und Spinett bestehend. Der Sopran Ine Blom sang mit Verve die Melodie, die von St. German in Bezug auf den Inhalt des Textes etwas luftig komponiert ist.

Etwas ,Googeln’ lehrt, dass derselbe Text später auch durch bekannte(re) Komponisten vertont wurde: von Mozart(!) und Bellini; beim Letzteren sind wir Anfang des 19. Jahrhundert, und die Tonsetzung von Bellini zum Beispiel ist viel dramatischer.

Die drei Sonaten für Violinsolo und basso continuo verraten, dass St. Germain ein herausragender, virtuoser Geiger gewesen sein muss. Gerade dadurch ist er meiner Meniung nach in diesen Solosonaten auch als Komponist am besten. Wobei die dritte Sonate dann noch darüber hinausgeht, vielleicht weil sie in einer Molltonart (c) geschrieben ist, die harmonisch oft eher spannend (also schöner und bewegender) ist als eine Durtonart.

Die besonderen Melodiewendungen, oft große Sprünge, komplizierte Rhythmik, prächtige Lyrik neben vielen virtuosen Passagen machen diese Sonaten zu sehr ,reichen’ Kompositionen. Eine Herausforderung für unsere Geigerin Renate Kroese, die diese – ja auch – mit Verve anging und meisterte.

Allmählich entstanden dann auch Pläne, mit unserem Ensemble weiterzumachen, mehr Musik von St. Germain zu entdecken und zu spielen. Die Kompositionen sind es sicher wert. Ihr werte also (buchstäblich) noch von uns hören... 

(Text: Peter Rippen)

Abschluß
Abschluß Tagung