Vortrag über mindful thinking - Teil 1

06-02-2018 Artikel von Mieke Mosmuller

Guten Abend, herzlich willkommen zu diesem Vortrag über mindful thinking.1

Seit drei Jahren schreibe ich jede Woche einen Text für eine Webseite, die speziell dafür eingerichtet wurde. Das sind wöchentliche Texte, die ich auf englisch, deutsch und holländisch publiziere. Als ich die englischen Texte zu schreiben begann, war ich daran nicht gewöhnt... Mit etwas Hilfe von hier und da und manchen Fehlern ging es dennoch. So suchte ich das Wort ,gewissenhaft’ und fand die Übersetzung: mindful.

Das Wort berührte mich wirklich. ,Mind’ ist eigentlich nicht gut zu übersetzen, man würde sicher nicht sagen, dass es ,Gewissen’ bedeutet. Das Wort ,mindful’ weckte die Erinnerung an meine Erforschung des Meditationstrainings ,mindfulness’, die ich 2011 machte. Ich las mit viel Interesse ein Buch darüber und versuchte sorgfältig, die Übungen zu machen. Es war das Buch von Jon Kabat Zinn. So habe ich Mindfulness, wie sie von ihm initiiert wurde, gut kennengelernt, auch die wohltuenden Eff ekte davon. Bei diesem Mindfulness-Training habe ich kennengelernt, wie eine östlich orientierte Sicht auf den Menschen in die Praxis gebracht wird. Wobei man in erster Linie auf seine Atmung achtet – und inzwischen gehen natürlich die Gedanken und Gefühle weiter. Worum es dann geht, ist, dass man auf eine nicht-urteilende Weise – also man urteilt über nichts, nicht über die Atmung und nicht über seine Gedanken und nicht über seine Gefühle und nicht über das, was um einen an Störungen auftritt, überhaupt nicht, man gibt sich dem aufmerksamen Verfolgen der Ein- und der Ausatmung hin. Dabei muss ein Maß von Geduld geübt werden, die man als westlicher Mensch im gewöhnlichen Leben nicht so praktiziert. Man merkt natürlich, dass es auch misslingt und dass es so ist, dass man jedesmal wieder von der Atmung abgelenkt wird, und man weiß, dass es darauf ankommt, dass man nicht nur nicht darüber urteilt und dass man nicht nur geduldig darin ist, sondern dass man auch immer wieder von neuem beginnt, dass man ein Vertrauen in das hat, was man macht.

Was sehr wichtig ist, ist, dass man nicht nach einem Ziel strebt. Das ist etwas, was wir in unserer westlichen Welt eigentlich fortwährend machen. Einem Ziel nachstreben. Und wenn wir etwas nicht als Ziel sehen? Dann wird es uns als Ziel präsentiert, sodass wir doch mitrennen müssen.

In den Augenblicken des Mindfulness-Trainings versucht man, in ein Nicht-Streben einzutauchen! In ein völliges Hinnehmen von allem, wie es in dem Moment ist, und in ein Loslassen von allem, was einen bindet oder was einen festhält. Was dadurch entsteht, wenn man das eine Viertelstunde, zwanzig Minuten, praktiziert und das dann auch wirklich regelmäßig täglich wiederholt, ist, dass man eine ruhige Anschauung der Atmung entwickelt.

Man könnte sich vorstellen, eine andere Funktion als die Atmung zu wählen, und auch darüber habe ich gelesen, man kann zum Beispiel auch ein sinnliches Gewahrsein seiner Körperhaltung haben. Wenn man auf einem Stuhl sitzt und meditiert, dann kann man mit aller Aufmerksamkeit und dem Nicht-Urteilen, der Geduld, dem Vertrauen, dem Nicht-Streben, der Akzeptanz und dem Loslassen zu dem sinnlichen Sich-Bewusstsein der eigenen Körperhaltung vordringen. So könnte man sich vorstellen, dass man auch nach außen ein sinnliches Gewahrsein für die Welt um sich herum entwickeln kann, und das scheint mir eine der geliebten Folgen dieses Trainings zu sein. Die Mindfulness wird auch nicht nur als Methoden gegen Stress angeboten – das ist sehr deutlich, dass sie in dieser Weise angeboten wird –, sondern auch als eine Methode, dazu zu kommen, dass man im Leben wirklich da sein kann, im Moment. Es geht darum, dass man nicht in Gedanken versunken mit etwas völlig anderem als dem beschäftigt ist, wo man ist und was das Leben einem in diesem Moment zu bieten hat. Dass man das nicht verträumt oder nicht erlebt.

Aufmerksamkeit ist es, was durch dieses Training entsteht. Aufmerksamkeit. Und durch die Aufmerksamkeit dann auch ein viel stärkeres Erfüllt werden mit dem Da-sein. Das bedeutet meistens, dass dann auch die Anwesenheit gewissenhafter wird. Dass mal also auch mit mehr, ich möchte sagen, moralischem Gefühl, mit moralischer Impulsivität in der Wirklichkeit steht.

Ich mache diese Untersuchungen, weil ich an den verschiedenen Möglichkeiten interessiert bin, die es für die Meditation für eine spirituelle Entwicklung gibt. Und Meditation ist natürlich ein Wort, das für sehr viele verschiedene innere und äußere Beschäftigungen verwendet wird.

Als wichtigste Lebenserfüllung habe ich selbst diejenige Meditation kennengelernt, die in der Anthroposophie Rudolf Steiners gefunden werden kann. Da wird ein Meditationsweg gegeben, der in erster Linie nicht mit den Leibesfunktionen und auch nicht mit den Wahrnehmungen der Sinne zu tun hat, sondern auf die Tatsache verweist, dass man als Mensch ein denkendes Wesen ist.

Da beginnt schon die erste Möglichkeit der Verwirrung, denn in unserem Sprachgebrauch wird das Denken dem Haben von Gedanken gleichgesetzt, und in diesem Sinne ist jeder Mensch ein denkendes Wesen. Wir haben alle unsere Gedanken. Wir finden sogar oft, dass sie uns gerade so stören, um wirklich im Moment zu sein!

Und wenn man das Denken so auffasst, dass es das Haben von Gedanken bedeutet – ja, dann würde man eigentlich nicht gern eine anthroposophische Meditation beginnen, denn diese Gedanken hat man schon genug, und warum sollte man versuchen, dies noch zu verstärken oder zu vergrößern oder zu verlebendigen?

Aber das ist nicht das Denken, das in dieser Form von Meditation gemeint wird, in dieser Form von Meditation wird mit Denken etwas gemeint, wodurch man den Sinn der Dinge erfasst. Wenn man sagt: Was ist der Sinn des Lebens?, dann ist das natürlich eine sehr große Frage, die, könnte man sagen, das ganze Leben umfassen kann. Aber es gibt auch kleinere Dinge im Leben, und alles hat Sinn, Bedeutung.

Dieses sinnvolle Denken wird in dieser Form der Meditation weiter entwickelt, und wenn man diese übt, dann übt man ein Denken, das gerade überhaupt nicht mit den Sinnen verbunden ist und das auch nicht in sich wegträumt, es ist eine konzentrierte Weise sinnvollen Denkens. Wenn man das übt und dann später Mindfulness praktiziert, merkt man sehr deutlich, dass man da eigentlich nicht auf die Form von Denken gewiesen wird, die den Dingen, den Prozessen und dem Dasein, den Begegnungen und so weiter Sinn verleiht.

Und dann taucht natürlich die Frage auf: Was ist hier jetzt eigentlich geschehen? Denn es ist nicht so, dass, wenn man die Konzentration auf die Atmung oder auf eine andere Leibesfunktion oder auf eine Wahrnehmung in der Außenwelt richtet und dadurch Geduld und Vertrauen entwickelt, eine viel größere und ruhigere Anwesenheit, als man sie von Natur aus hat, dass man dann nicht mehr weiß, dass man den Sinn der Dinge sieht. Darum geht es bei der Mindfulness nicht, dass man sich so entwickelt, dass man den Sinn, die Bedeutung der Dinge verliert.

Dann ist die Frage: Was genau ist eigentlich der denkende Aspekt in der Mindfulness? Wenn man von dem Haben von Gedanken absieht?

Man muss sich vorstellen, dass man wahrnimmt. Man hat die volle Aufmerksamkeit in der Wahrnehmung, und man lässt sich nicht durch ein Versunkensein in Gedanken davon ablenken. Aber man kann nicht sagen, dass man Wahrnehmungen hätte, die nichts zu bedeuten haben.

Wenn Sie diesen wunderbaren Blumenstrauß hier anschauen, dann sehen Sie da eine Anzahl bekannter Blumen. Diese kann man aufmerksam wahrnehmen, und je aufmerksamer man das vermag, desto mehr gewinnen sie an Wirklichkeit.

Aber das bedeutet nicht, dass man dann nicht mehr dennoch irgendwo weiß, dass man eine Rose oder Lilie wahrnimmt. Und da liegt die Verwirrung in der Bedeutung des Denkens.

Indem man es, als Mensch unserer Kultur, nicht gewohnt ist, auf sich selbst zu achten, während man im Leben steht, sondern einfach drauflos lebt, hat man auch nicht kennengelernt, dass eine Wahrnehmung an sich nicht schon von den Sinnen aus den Sinn in sich trägt.

Dann wird es immer kompliziert, wenn ich so spreche, aber es ist natürlich eigentlich dennoch sehr einfach. Wenn wir hier so zusammen sind, haben wir unsere Sinneswahrnehmungen, wir sehen und hören, wir fühlen, und der Leib hat eine bestimmte Haltung, und man fühlt seine Muskelspannung. Es scheint, als ob in der Sinneswahrnehmung zugleich auch die Bedeutung läge. Man guckt zu der Rose, und man sieht, das ist eine Rose, denkt man... Man meint, wenn man die Rose anschaut, unmittelbar von den Augen her auch zu wissen, dass es eine Rose ist. Dass dies, dass sie eine Rose ist. Indem ich diese Rose sehe.

Da liegt die Verwirrung. Da liegt eigentlich auch der Hinweis, dass, wenn man diese Seite des Daseins doch noch verschläft, während man tatsächlich für die Umgebung erwacht ist, in Mindfulness, in gewissenhafter Aufmerksamkeit, nicht urteilend, geduldig und so weiter ... dass man die Hälfte des Daseins trotzdem noch immer verschläft.

Natürlich: Man weiß, was man wahrnimmt. Aber man weiß nicht, dass man, während man mit den Leibessinnen wahrnimmt, zugleich einen darin verlaufenden Denkprozess hat, etwas, was viel mehr mit der eigenen Aktivität zu tun hat als mit der Sinneswahrnehmung an sich.

Wenn man die Entwicklung der Menschheit wirklich als eine Entwicklung betrachten könnte und nicht so, dass es so, wie wir jetzt als Menschen sind, immer gewesen sei und wir immer so wahrgenommen und immer so gedacht hätten; wenn man die Entwicklung als Entwicklung betrachtet, kann man sich vorstellen, dass es vielleicht viel früher eine Zeit gegeben hat, in der der Mensch die Bedeutung wirklich von außen ,gereicht’ bekam. Und das geht in unserer Zeit vielleicht auch noch weiter ... dass wir nicht bemerken, dass man auch wahrnehmen kann, ohne dass man den Sinn, die Bedeutung darin hat. Und eigentlich müssten wir das ohne weiteres wissen, denn wenn man sich in jenem Zustand befindet, wo man in Gedanken versunken ist, wodurch man nicht im Jetzt ist, dann kann man tatsächlich mit offenen Augen und Ohren herumlaufen und allerlei Dinge tun – und absolut nicht wissen, was man gesehen hat, wo man war, was man in der Hand gehalten hat und so weiter. Wir kennen das also alle sehr wohl, die Sinneswahrnehmung, in der wir den Sinn verschlafen.

Aber was ich hier bespreche, das muss man noch viel grundsätzlicher auffassen. Es ist wirklich so, dass, wenn man kein Denken hätte, das bloße Sinnesorgan einem keinen Sinn geben würde. Keine Bedeutung. Und dass das so ist, kann durch Übung bewusst werden.

Und man könnte nun sagen: Warum sollte ich das tun? Dies kann ich vielleicht im Laufe meiner Darlegungen noch deutlich machen: warum man das tun sollte.

Es kann durch Übung ins Bewusstsein gebracht werden und damit für denjenigen, der es tut, in jedem Fall bewiesen werden – dass man darüber dann nicht unbedingt eine Abhandlung schreiben oder promovieren kann, ist noch etwas anderes, aber man kann es für sich selbst erkennen –, dass wir als Mensch in dem Bewusstseinsprozess, in dem wir in der Wirklichkeit darinnen sein wollen, unser ,Darinnensein’ immer von zwei Welten aus erhalten. Auf der einen Seite durch die Lichtwelt der Sinne und auf der anderen Seite durch die Welt des Denkens, die auch einen Lichtaspekt hat.

Wenn man das üben wollte, müsste man das Gedankenleben, das man in der Wahrnehmung hat, gleichsam ,herauslösen’ wollen, sodass man sehen würde, wo sich die sinnliche Wahrnehmung befindet und wo der Denkprozess, der darin verläuft.

Ich habe mir Folgendes vorgestellt: Angenommen, man macht eine Meditation oder will eine Meditation machen und man sitzt im Zimmer auf einem Stuhl. Es steht noch ein anderer Stuhl da. Als ich dies so bedachte, stand mir da, wo ich saß, ein antiker Stuhl mit zierlichen Pfoten und einer gepolsterten Rückenlehne gegenüber, bezogen mit einem Stoff, der die Mitte zwischen Kattun und Leinen hielt. Und man sagt sich selbst: Ja, das weißt du alles, nicht wahr? Man schaut auf diesen Stuhl, und gewöhnlich – er steht immer da – steht er einfach da, man legt vielleicht allerhand Sachen darauf, oder man setzt sich darauf, oder Besuch kommt und setzt sich darauf – also dieser Stuhl hat eine Funktion und weiter denkt man nicht darüber nach. Man weiß, dass es dieser Stuhl ist, und wenn ein anderer dastehen würde, wenn man ins Zimmer kommt, würde einem das unmittelbar auffallen.

Aber nun betrachtet man das in anderer Weise. Man betrachtet diesen Stuhl viel gründlicher, als man es gewohnt ist. Und man sieht dann mit der vollen Aufmerksamkeit, mit dem vollen Bewusstsein, den Typ des Stuhls, die Art des Stuhls. Die zierlichen Füße. Die Lehnen mit den Holzknöpfen an der Vorderseite, den Stoffüberzug und die Art, wie dieser Stoff auf diesem Stuhl befestigt ist.

Das kann man, wenn man seine Augen schließt, noch einmal von neuem Revue passieren lassen, und wenn man das macht, merkt man, dass man fortwährend in den Vorstellungen, die dann von der sinnlichen Wahrnehmung abgeleitet sind, die bekannten Gedanken hat, und man erlebt dann: das macht wohl mit den Wert dieses Stuhles für mich aus. Es ist nicht so, dass ich nur blind wahrnehme, ich habe auch ein vielgestaltiges Wissen. Jetzt ging es um einen Stuhl – aber nun begegnet mir ein Mensch. Und ich will diesem Menschen auf eine gewissenhafte, aufmerksame Weise begegnen. Es ist an sich schon etwas sehr Besonderes, dass man, wenn einem ein bekannter Mensch begegnet, man auch sieht, dass er das ist. Dabei halten wir überhaupt nie inne, aber wie, wodurch kommt das?

Das hat mit dem Denken zu tun. In dieser Weise kann man erleben, dass man, wenn man als Mensch eine meditative Vertiefung der Wahrnehmung der Sinne sucht, eigentlich in eine Einseitigkeit kommt, wenn man sich nicht auch verstärkt bewusst wird, dass in der Wahrnehmung das Denken der Sinngeber ist.

Und wenn man dazu kommen könnte, dieses sinngebende Denken wirklich in aller Größe, die es hat, gesondert gewahr zu werden, würde man erst wirklich wissen: Hier bin ich in einer Welt, die ich immer bei mir habe, wenn ich wach bin. Die ich genauso bei mir habe wie die leiblichen Sinne, die aber konsequent negiert wird, vergessen wird. Die Sinneswahrnehmung würde man nicht negieren. Auch wenn man noch so tief in Gedanken versunken ist, es würde immer wieder ein Moment kommen, wo man wach wird und sieht, hört und so weiter.

Aber das darin verlaufende Denken kann man bis zu seinem Tod verschlafen, und das bedeutet im Grunde, dass einem, obwohl man es verwendet, es einem aber nicht bewusst ist, die Hälfte der Welt fehlt.

Zum zweiten Teil des Vortrags bitte hier klicken.

[1] Der Text wurde von einer Dolmetscherin mitgeschrieben, Margot de Vreede, die mit einem schwerhörigen Besucher mitgekommen war.
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