Vortrag über mindful thinking - Teil 2

18-03-2018 Artikel von Mieke Mosmuller

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Nun ist es natürlich so, dass man, wenn man ein Aufmerksamkeitstraining durchmacht, so dass man mit einer gewissenhaften, ruhigen, nicht urteilenden, nicht strebenden Aufmerksamkeit in dem Moment ist, sich eigentlich auch fragen müsste: Was ist eigentlich die Bedeutung der Vergangenheit, und was ist die Bedeutung der Zukunft?

Es ist deutlich, dass wir sehr stark aus dem Momenterleben weggezogen werden, indem wir in Gedanken sind. Dadurch ist man nicht wirklich dabei. Man könnte sagen: Das sind immer Gedanken, die aus der Vergangenheit kommen. Manchmal auch sehr konkret, indem ein Gespräch, das man kurz zuvor gehabt hat, noch nachzirkuliert und nicht enden will, das ist wirklich die Vergangenheit.

Aber wir kennen natürlich auch diejenigen ablenkenden Gedanken, die mit dem zu tun haben, was wir alles noch machen werden. Das ist die Zukunft. Da hat man mehr mit den Aktivitäten zu tun, die man noch verrichten wird. Im Denken steckt man mehr in der Vergangenheit, und wenn die Aktivitäten, die man noch verrichten muss, in die Gedanken kommen, liegt man zu weit voraus. In beiden Fällen versäumt man den Moment.

Angenommen, man hätte das Problem weitgehend gelöst und es gelänge einem, im Leben wirklich da zu sein. Immer besser und besser. Was ist dann die Bedeutung von Vergangenheit und Zukunft?

Man kann sagen, darüber haben sich die Philosophen den Kopf zerbrochen. Aber es gibt auch Menschen, Brüder und Schwestern, die tiefer schauen können als ein Philosoph, und sie brauchen sich nicht so sehr den Kopf zu zerbrechen – da bricht vielleicht mehr das Herz.

Die, die tiefer blicken als ein Philosoph, wissen, das Denken, das pure Denken, sehr konkret mit der Vergangenheit zu tun hat. Damit meine ich, dass man, wenn man darin eine Reise in die Vergangenheit machen könnte – nicht wie der Psychologe, sondern in spirituellem Sinne –, man wirklich in die Art des Denkens untertauchen könnte und dann gleichsam auf dem Strom der Zeit in die Vergangenheit zurückreisen könnte.

Dann würde man fi nden, dass alles, was Denken ist – nicht das Haben von Gedanken, sondern wirklich Denken –, schon da war, bevor man geboren wurde. und dass es sogar schon vor der Empfängnis da war. Dass es etwas ist, was aus einer Zeit kommt, die man das vorgeburtliche Dasein nennen könnte. Das wäre für jeden, der sich die Mühe machen wollte, auch nachvollziehbar. Nicht unmittelbar, nicht von heute auf morgen. Aber wenn man viel Zeit – mit einem Nicht-Urteilen, mit Geduld, endlosem neuem Beginnen, Vertrauen, Nicht-Streben, Akzeptanz, Loslassen – für dieses Zurückgehen in der Zeit aufbringen könnte, würde jeder letztendlich zu einem Punkt kommen, wo man sagt: Ja, hier hört eigentlich meine gewöhnliche Erinnerung auf, und dies ist das Ende einer spirituellen Erinnerung. Diese spirituelle Erinnerung führt mich zum Vorgeburtlichen zurück, und wenn ich imstande bin, sehr weit zurückzugehen, dann führt diese Besinnung in der Zeit mich sogar zu einer vorherigen Inkarnation zurück. Man ist dann natürlich nicht im Jetzt bewusst. Sondern man ist dann zunehmend in dem bewusst, wo man eigentlich herkommt.

Man kann sich auch auf das besinnen, was man eigentlich macht, wenn man mit den Sinnen wahrnimmt. Man richtet seine Aufmerksamkeit also nicht so sehr auf die Wahrnehmung an sich – was man in der Mindfulness sehr wohl tut –, man schaut eigentlich nicht so sehr, aber man schaut auf das, was man macht, wenn man wahrnimmt. Was genau ist die Seelenaktivität, wenn ich es so nennen darf? Womit richtet man seine Aufmerksamkeit auf das Sehen, auf das Hören, auf das Tasten, auf das Riechen, Schmecken etc.? Was ist es genau, was ich dann tue?

Und wenn man dem auf die Spur kommt, entdeckt man, dass dies eine entgegengesetzte Bewegung zur Denkbewegung ist. Hier gibt es nun überhaupt keine Neigung zur Vergangenheit zurückzugehen. Sondern das ist eine Bewegung, von der man sagen könnte, sie ist gerichtet auf etwas.

Da setzt man eine bestimmte Kraft ein, wodurch man seine Aufmerksamkeit richtet. Wodurch man mit dem Auge hierhin oder dorthin schaut. Wodurch man auf das lauscht, was man an Geräuschen hört. Und wodurch man vielleicht den Rosen- oder den Lilienduft riecht...

Das Riechen des Duftes ist die Erfahrung der Gegenwart. Aber das Richten der Aufmerksamkeit ist Zukunftsbewegung. Das ist eine Bewegung, die im Jetzt beginnt und auf die Zukunft vereist. Das kann man fühlen, erleben lernen. Wenn man dann den Moment erlebt, in dem man mit der vollen Aufmerksamkeit darinnen ist ... wobei man die Gewahrwerdung hat, dass man mit seinem ganzen Wesen wirklich da ist, dann kann man in dem Moment fühlen, wie der Strom aus der Vergangenheit sich gleichsam in diesen Moment einrollt und wie auf der anderen Seite der Zeitstrom aus der Zukunft sich auch in den Moment einrollt, aber in einer umgekehrten Bewegung. Und man fühlt sich in einem Wirbelpunkt der Zeit, wo der Moment lebt – der in dem Moment, wo man sich bewusst wird, dass es der Moment ist, schon nicht mehr dieser Moment ist.

Der Mensch hat die Möglichkeit, viel weiter in der Selbsterkenntnis vorzudringen, als es durch die Natur gegeben ist. Damit folgt man einem alten Aufruf, der zu Sokrates’ Zeit schon von diesem geäußert wurde: O Mensch, erkenne dich selbst!

Und das bedeutet, dass man nicht nur bei dem Moment stehenbleibt, dem ein anderer Moment folgt, sondern dass man sich selbst als stehend, als werdend, im Zeitverlauf erleben lernt, als ein Ineinandergreifen, -Rollen, -Strömen dessen, was aus der Vergangenheit kommt und was man war ... und dessen, was in die Zukunft geht, was man werden wird, was man sein wird. Man hat also nicht nur die Gnade des Moments, sondern man hat eine gewissenhafte, aufmerksame Bewusstheit für das, was aus der Vergangenheit man war. Und für alles, was mit einem zusammenhängt und was in der Zukunft man sein wird.

In dieser Weise kann man eine solche ,Stuhl’-Meditation, eine Wahrnehmungsmeditation oder eine Rosenmeditationmachen und dann versuchen, sich immer intensiver bewusst zu werden, dass der Moment nicht das Einzige ist, was zählt, sondern dass in dem Moment fortwährend ein Strom von Weisheit ausblüht.

Das Denken geht nicht weiter als bis zum jetzigen Moment. Und im nächsten Moment ist es natürlich wieder weiter, aber dann ist es auch schon dieser nächste Moment. Das Denken an sich als Zeitgeschehen, als Zeitstrom ... blüht nicht über den Moment hinaus. Was es sehr wohl tut, ist, sich zu dem Haben von Gedanken aufzublasen. Und das ist etwas, wodurch man das Denken selbst nicht gewahr wird. Wenn man aber eine solche Wahrnehmungsmeditation macht und diesen Strom des Denkens aus der Vergangenheit bis ins Jetzt als sinngebendes Element in sich kennenlernt, kann man auch dazu kommen, die Blickrichtung umzukehren.

Wenn man das Denken als ein gewissenhaftes, aufmerksames, sinngebendes Wissen, als Weisheit, kennengelernt hat, die sich in einem unter eigenem Mitwissen vollzieht, kann man sich auch umschauen. Umschauen nach dem, der dies alles tut. Dann richtet man den wahrnehmenden Blick, der dann zugleich Denken ist, nicht auf eine äußere Wahrnehmung. Sondern dieser richtet sich auf einen selbst. Auf das Selbst! Auf den, dessen Namen man fortwährend ausspricht, wenn man von sich selbst spricht. Man richtet den Blick mindful, denkend, wahrnehmend auf ,Ich’!

Wenn man eine Vorbereitung getroffen hat, als Meditation, in der man das Denken in der Wahrnehmung findet, dann wird diese Wahrnehmung des eigenen Ich etwas ganz anderes, als man sie hat, wenn man ein Selbstgefühl hat, wozu man auch ,ich’ sagt.

Man lernt, genau wie man die Rose und die Lilie in dem Moment wahrnehmen kann, ohne zu urteilen, in aller Geduld, in aller Akzeptanz, ohne Streben, ohne Meinungen, wie man also mit der Mindfulness eine Rose wahrnehmen kann, ebenso lernt man, weil man das Denken darin gefunden hat, auch auf das zu blicken, was Ich ist.

Und dann wird das eigene Selbst, das eigene Ich, ein Phänomen. Ich meine damit ein Etwas, das erscheint. Nicht etwas, was man bedenkt. Auch nicht etwas, was man beurteilt oder wovon man sagen muss: Nun ja, das ist mein Ego, davon muss ich weg.

Es ist ein Phänomen. Phänomenal könnte man sagen. Und das gilt für jedes Ich! Wenn man dazu kommen könnte, mit dieser aus der Wahrnehmung destillierten reinen Denkaktivität, die immer da ist und derer man sich nicht bewusst ist, sein Ich, dasjenige, wozu man Ich sagt, anschauen zu können – was dann wirklich ein Befolgen des Aufrufes wäre: Mensch, erkenne dich selbst –, wenn man das tun würde, dann würde man etwas sehr Sonderbares entdecken. Man würde nämlich entdecken, dass alles, was man bis dahin wahrgenommen hat, mit seiner gewissenhaften denkenden Aufmerksamkeit, gleichsam fix und fertig für einen da ist. Und wenn wir hier diese Rose anschauen oder diesen Stuhl betrachten, dann brauchen wir diese nicht erst zu erschaffen, um sie wahrnehmen zu können.

Das Ich zeigt sich auch als gegebenes. In diesem Sinne könntem an also sagen, dass es keinen Unterschied gibt. Denn wenn man den Blick nach innen richtet, trifft man das Ich da an. Man weiß, dass man da ist. Und man schaut nun mit einem etwas klareren Blick, als wenn man sich nur fühlt oder auf gewöhnliche Weise gewahr wird, denn man hat sein Denken erleuchtet, buchstäblich, und das erleuchtete Denken richtet sich nun auf das Ich.

Man bemerkt, dass es also offenbar da ist, und man vergisst alle philosophische Betrachtungen, die behaupten, dass das Ich eine Illusion sei oder dass es nur eine Vorstellung sei oder dass das Ich eine Art Ausscheidung des Leibes sei oder dass das Ich aus der geistigen Welt, aus dem Himmel komme. Man vergisst das! Man denkt also auch seine eventuellen Begriffe nicht, man wendet dem Ich nur den denkenden Blick zu, um das Ich da wahrzunehmen.

Das Ich ist da, was es auch sei.

Doch die sonderbare Entdeckung ist, dass es zwar da ist, dass man aber nicht so außerhalb dessen steht, wie wenn man die Rose denkend betrachtet. Da, bei der Rose, hat man den Eindruck: Sie ist außerhalb meines Zutuns gewachsen und sogar außerhalb meines Zutuns in diese Vase gekommen. So, wie sie jetzt in diesem Moment ist, ist dies außerhalb meines Zutuns zustande gekommen.

Und nun schaue ich auf das Ich. Wenn man dies als Phänomen betrachten kann, dann wird man mit Sicherheit gewahr: Hier liegt ein Freiheitsmoment. Hier ist es nicht so, dass es fertig ist, was ich da anschaue. Ich schaue etwas an, von dem ich genau weiß, was es ist, obwohl ich es viel schwerer beschreiben oder zeichnen könnte als die Rose. Aber ich weiß, ich bin sehr intim damit verbunden, und ich weiß, dass es nicht seine letztendliche Gestalt hat. Ich weiß, dass es unterwegs ist. Dies ist auch eine Momentaufnahme. Es gibt eine Vergangenheit für dieses Ich. Und es gibt eine Zukunft, die sich aus der Ferne auf dieses Ich zubewegt, daran kann ich nicht so viel ändern. Aber die Antwort, die ich auf alles gebe, was mir begegnet? Und auch begegnet ist?

Darin liegt ein Freiheitsmoment. Man könnte sagen: Da hat man die Möglichkeit, in Freiheit zu bestimmen, wer ich weiter werden will. Man kann natürlich nicht von dem absehen, was schon da ist... Aber man kann einen gewissenhaften Ausblick für dieses Ich haben. Durch die aufmerksame, gewissenhafte Anschauung dieses Phänomens, das man selbst ist, kann man wissen: So will ich eigentlich sein! So will ich werden, so bin ich noch nicht. Aber so möchte ich werden. Und man weiß, dass es eine Möglichkeit ist, das, was man will, auch einigermaßen realisieren zu können. Das ist das Sonderbare, was man entdeckt, wenn man das eigene Ich gewissenhaft, aufmerksam denkend anschaut. Es besteht wirklich eine Möglichkeit zur Selbstbestimmung im Ich.

Natürlich ist ein ziemlicher Teil bereits bestimmt. Man weiß: Wenn man gleich aus der Tür hier geht und vielleicht denkt, nun muss ich zum Parkhaus bei der Oper ... aber ich laufe erst einmal zur Ecke, ich gehe nicht sofort die Straße entlang und über die Brücke, sondern ich gehe noch kurz auf die andere Seite, wo früher dieses eine Gasthaus war, und da will ich noch kurz gucken gehen. Und dann stolpert man über einen Stein und bricht sich den Arm, zum Beispiel. Wenn man auf der anderen Seite gegangen wäre, hätte man diesen Stein nicht vor den Füßen gehabt. Man kann nicht sagen, dass man in allem die Selbstbestimmung realisiert, denn man tut bestimmte Dinge, ohne dass man genau weiß, warum, man weiß nur: Ich will das so, und dann geschehen Dinge oder es geschehen Dinge nicht. Es kann auch sein, dass man, wenn man auf der anderen Seite gegangen wäre, ins Wasser gefallen wäre. Nun läuft man auf dieser Seite, und es geschieht nichts, und dann weiß man nicht, dass man ins Wasser gefallen wäre, wenn man auf der anderen Seite gegangen wäre. Es ist also gewiss nicht so, dass der Mensch imstande ist, von dem Punkt aus, wo er das Ich als gewisses Freiheitsmoment erkennt, alles in der eigenen Hand zu haben. Das ist natürlich Unsinn.

Aber es gibt einen Aspekt im Ich, der wesentlich anders ist als in allen anderen Dingen im gesamten Dasein. Und das könnte man den Sinn des Ich, die Bedeutung des Ich, nennen. Dass es sich bis zu einem gewissen Grade auch selbst gestalten darf.

Es gibt eine großartige Schrift eines Menschen aus der Renaissance-Zeit, Pico della Mirandola. Sie hat den Titel ,Die Würde des Menschen’. Er lebte im 15. Jahrhundert. Er erkannte: Der Mensch unterscheidet sich innerhalb der Schöpfung von allen anderen geschaffenen Wesen, weil er im Ich die Freiheit der Selbstbestimmung hat.

Das lernt man kennen, wenn man von der ,mindful’ Wahrnehmung aus zu einem ,mindful’ Denken in der Wahrnehmung kommt und dann das, was man da findet, auf denjenigen richtet, der man ist.

Dafür braucht man keine äußeren Sinne. Es ist ein innerer Sinn, der dann in die Wahrnehmung gebracht wird. Eine Art ,Sinn’, den man in sich selbst hat, den man fortwährend verwendet. Denn man weiß fortwährend, dass man man ist. Und nun wird in dieses Wahrnehmen das klare Bewusstsein gebracht.

Das ist eine andere Weise, den Egoismus zu überwinden. Einer der großartigen Aussprüche von Rudolf Steiner ist: Die Selbstsucht ist Sucht nach dem Selbst.

Und diese Sucht nach dem Selbst ist befriedigt, wenn das Selbst gefunden ist. Dann hat diese Selbstsucht keine Funktion mehr. Das ist eine ganz andere Art, den Egoismus zu überwinden, als zu versuchen, vom Ich abzusehen.

Das Ich hat eine unnachahmliche Impulsivität in sich, sich immer wieder zu erheben. Man kann sich also sehr viel Mühe geben, sich vom Egoismus zu befreien, das Ich wird sich doch immer wieder an einem anderen unerwarteten Punkt plötzlich erheben, weil es sich erkannt fühlen will und weil es gefunden werden will.

Auch hier gilt natürlich: Wenn man einmal den Blick phänomenal auf das Ich gerichtet hat, bedeutet das natürlich nicht, dass man kein Egoist mehr wäre – aber etwas davon ist dann trotzdem ,abgefallen’.

Auf diese Weise findet man eine andere Art des In-der-Welt- Stehens, die nach meiner Überzeugung noch reicher ist als die Art des In-der-Welt-Stehens, die aus dem Im-Moment- Sein besteht. Wenn man im Moment sein kann, aber zugleich dasjenige, was man aus der Vergangenheit geworden ist, in diesem Moment erkennen kann, und dasjenige, was einem aus der Zukunft entgegenkommt – was man noch werden willl – erkennen kann, dann ist dieser Moment kein Punkt, sondern wird ein ,All’ an sich.

Man würde doch eigentlich sagen: Wenn man das einmal einsieht, würde man unverzüglich, ohne noch irgendwie innezuhalten, damit anfangen. Aber dann zeigt sich, dass es in der Lebenspraxis so einfach natürlich nicht ist. Man braucht wieder sehr das Nicht-Urteilen, die Geduld, das endlose Von-neuem-Beginnen, das Vertrauen, das Nicht- Streben, die Akzeptanz und das Loslassen, um von Tag zu Tag diese Bewegung, die vielleicht eine halbe Stunde kostet und die man eigentlich zweimal am Tag tun müsste, immer wieder mit allen Fehlschlägen, die man in Kauf nehmen muss, aufzubringen.

Aber man findet etwas, von dem man weiß, wenn man es gefunden hat: Dies bin ich, der war und sein wird. Ich bin jetzt, und ich bin im Moment, und ich kann in dem Moment mit der vollen, gewissenhaften Aufmerksamkeit da sein. Nicht abgelenkt von allem Stress und aller Unsicherheit des Daseins. Und ich weiß auch, dass ich, bevor ich in diesem sinnlichen Dasein, in diesem Leib, in dem ich bin, war, auch schon war. Das ist keine Auffassung mehr, das ist keine Meinung mehr, und das ist kein Glaube. Das ist ein absolut sicheres Wissen. Weil man selbst, als Ich, in der Zeit zurückgehen kann und dann in die Erinnerung dessen kommen kann, dessen man sich mit der gewöhnlichen Erinnerung nicht erinnert, etwa die erste Zeit, in der man auf Erden war. Man kennt diese Ereignisse nur aus Erzählungen. Man geht sogar zurück zu der Zeit vor der Geburt, der Zeit, bevor die Eltern einen empfangen haben. Und es entsteht sogar, wenn die Kraft stark genug wird, ein Bewusstsein vorheriger Inkarnationen. Und zur Zukunft hin: eine Sicherheit – weil man so sicher weiß, dass das eigene Ich immer da ist, dass man das ist; so sicher weiß man dann auch, dass das Ich mit dem Sterben des Leibes nicht mitstirbt. Man hat das Ich als ein selbstständig wissendes Wesen kennengelernt. Eine Entität, die man ist, von der man weiß: Sie hat den Leib überhaupt nicht nötig, um zu sein. Man kann das Bewusstsein des Ich eigentlich um so besser haben, je weniger der Leib mitspricht. Man weiß sicher. Dieses Ich, das ich bin, braucht keinen Leib, um da zu sein.

Ich beende diesen Vortrag mit einer Legende, die unmittelbar damit zu tun hat. Ich lese eine Legende von Jacobus de Voragine vor, mit dem Titel: Der heilige Christophorus.

Christophorus
Der heilige Christophorus