Über die Hierarchien der Engel. Die dritte Hierarchie

09-03-2019 Buchbesprechung von Lieke van der Ree

Im November 2017 erschien Mieke Mosmullers Buch ‘Über die Hierarchien der Engel. Die dritte Hierarchie’.1 Der Umschlag mit der Malerei ‘Vergine Annunciata’ von Fra Angelico zieht unmittelbar die Aufmerksamkeit auf sich. Wir sehen Maria, ehrfĂŒrchtig auf einen Engel lauschend, den wir nicht sehen. Die feinen ZĂŒge von Marias Antlitz mit den goldfarbenen Locken, die Art, in der sie ihre Arme vor der Brust kreuzt, der goldene Hintergrund – das ganze Bild atmet Heiligkeit, Lieblichkeit und Frieden. Wenn wir das Vorwort lesen, verstehen wir, warum diese Abbildung gewĂ€hlt wurde. Dies ist die Niederschrift eines viertĂ€gigen Seminars im Berner Oberland (2016) ĂŒber die dritte Engelhierarchie.

In der Adventszeit 2015 hatte Mieke Mosmuller VortrĂ€ge ĂŒber die Hierarchien der Engel gehalten. Damals sprach sie ĂŒber die Michaelpredigt von Alanus ab Insulis, die eine kurze, aber tiefgehende Zusammenfassung der Eigenschaften der himmlischen Wesen gibt. Diese haben in der Jungfrau Maria eine ,Burg’ geschaffen, in der Jesus empfangen werden konnte. Alanus sagt, dass der Mensch ebenso eine VerstĂ€rkung und Heiligung seiner Seele realisieren kann. Dass dieser Wunsch nach VerstĂ€rkung und Heiligung der Seele fast eintausend Jahre nach Alanus noch immer lebt, wurde in der Adventszeit 2015 spĂŒrbar. Dabei wurde die Frage gestellt, wie wir hierdurch einen positiven Beitrag fĂŒr die Entwicklung der Welt mit all ihren Nöten leisten könnten. Mieke Mosmuller gab damals die Meditation, in der die Chöre der Engel unsere Bitten fĂŒr die so schwer leidende Menschheit und Erde zu Gott emportragen können, mit der Bitte, dass ,das Bestmögliche geschehen mag’. In Meditationen und auf Seminaren 2016 und 2017 wurde dann an der Vertiefung dieses Temas gearbeitet.2

Was deutlich spĂŒrbar wurde, ist, wie weit unsere heutige Kultur von dem Erleben einer Welt von Engeln getrennt ist. Mieke Mosmuller: ,Denn es ist natĂŒrlich doch deutlich, dass wir uns in unserer Zeit mit dem gewöhnlichen Bewusst sein als abgeschnĂŒrt von der geistigen Welt erleben. Wir haben nicht unmittelbar ein Wissen von einer geistigen Welt, deshalb ist es auch selbstverstĂ€ndlich, dass die meisten modernen Menschen die geistige Welt sogar leugnen, dass sie sagen: Sie existiert nicht, denn wir nehmen sie nicht wahr. (...) Dasjenige, was durch Jahrhunderte hindurch den Menschen noch andere Ideen mitgegeben hat – die Religion, die Kirche –, das hat zumeist seine Macht verloren, auch seine GlaubwĂŒrdigkeit verloren. Und so ist der Mensch dann auf sich gestellt, allein. Da gibt es Menschen, die spĂŒren das und spĂŒren auch, dass das eigentlich nicht sein kann. (...) Und gerade aus diesem GefĂŒhl, dass das so doch nicht sein kann, könnte eine Sehnsucht nach Geisteswissenschaft entstehen.’

FĂŒr die Menschen, die fĂŒhlen, dass es eigentlich nicht so sein kann, ist dieses neue Buch eine ganz besondere Schule. Denn Mieke Mosmuller gibt darin nicht nur Einsichten bezĂŒglich der Chöre der Hierarchien und ihrer Wirksamkeit. Wie immer liegt die Betonung auf der Spiritualisierung des Denkens, FĂŒhlens und Wollens, so dass dasjenige, was zuerst Einsicht war, auch Wahrnehmung werden kann. DafĂŒr gibt es Bedingungen, die im ersten Teil des Buches besprochen werden: das VergrĂ¶ĂŸern der Aufmerksamkeit und der Selbstlosigkeit im Denken, FĂŒhlen und Wollen.
Mieke Mosmuller: ,Wir können tĂ€glich Stunden daran hingeben, das Denken in Entwicklung zu bringen, und dies wird nicht gelingen, wenn das Denken nicht seine Heimat fndet. Diese Heimat liegt nicht in der abgeschlossenen Seele, sondern in der großen Welt. Wenn wir also zu einer Spiritualisierung des Denkens kommen wollen, das heißt, dass das Denken wiederum durchgeistigt wird, dann muss ein Denken entwickelt werden, das aus der Persönlichkeit herausgehen kann. Und das bedeutet, dass man sich im Erkennen, im Wahrnehmen und Denken, verbietet, in sich selbst zu spinnen, dass man sich selbst dazu bringt, die Aufmerksamkeit immer stĂ€rker und grĂ¶ĂŸer und weiter zu machen. Im Mitleben, da tut man das, da ist es das tragende GefĂŒhl, das mit dem Denken mitgehen muss, weil man das Denken erleben lernen muss. Deshalb braucht man die GefĂŒhle. Solange die GefĂŒhle bloß persönlich abgeschlossen sind, können sie nicht mit mit diesem sich befreienden Denken. Und stĂ€rker noch, es braucht dann auch noch den Willen. Wenn der Wille nur auf sich selbst bezogen ist, auf das eigene Selbst, dann wird auch die Erkenntnis, auch das Denken nie aus dem engen Kreis des eigenen Selbst heraustreten können. Also auch im Willen ist dies wichtig, und (...) es ist nicht nur wichtig, sondern auch wirklich eine Hauptsache. Die Liebe, sie soll ErkenntnisfĂ€higkeit werden.’

Die Liebe, sie muss das Erkenntnisvermögen werden. Mieke Mosmuller sagt, dass wir die höheren Wesen nicht sehen, weil wir selbst im Weg stehen oder sitzen. Das Üben, das wir in der Meditation tun, hat zum Ziel, uns selbst nicht mehr zwischen den geistigen Begriff und die Wahrnehmung zu setzen, sondern gleichsam ,durchsichtig’ zu werden. Mieke Mosmuller: ,Wir brauchen dazu immer wieder die KrĂ€fte der Aufmerksamkeit, das MitfĂŒhlen, die Hingabe. Diese KrĂ€fte werden getragen von einer Vorsicht, einer prudentia, die uns nach oben tragen wird. Der Verstand (und auch prudentia) muss in der Meditation ĂŒberwunden werden, aber die Vorsicht bleibt davon ĂŒbrig. Ganz vorsichtig und genau gestalten – das ist es, was wir in der Meditation eines Spruches, eines Sinnbildes tun sollen.’

Um so emporgetragen werden zu können, ist es nötig, dass das Erleben des Denkens, FĂŒhlens und Wollens nicht mehr an die leiblichen Organe gebunden ist. Im gewöhnlichen Bewusstsein haben wir nur ein Bild der eigentlichen Seele, hieraus mĂŒssen wir erwachen. Dieses Erwachen tritt auf, wenn eine stĂ€rkere Willensentfaltung in das Denken gebracht wird, so dass vom Denken zu einem Erleben des Denkens ĂŒbergegangen werden kann. Dadurch lebt man nicht mehr in dem Gedankeninhalt, der durch das Leibliche bestimmt ist, sondern in der geistigen GedankenaktivitĂ€t. SelbstverstĂ€ndlich ist der Wille, der hier nötig ist, nicht der vom Ego aus wirksame Wunschwille, sondern der in umgekehrter Richtung eingesetzte Wille, der das eigene Ich auf selbstlose Weise lenkt.

Engel1
‘Vergine Annunciata’ , Fra Angelico

Weil wir darin gewöhnlich noch nicht stark genug sind, erleben und sehen wir die Hierarchien nicht. Aber das bedeutet nicht, dass sie nicht da sind. Mieke Mosmuller:
,Wir mĂŒssen uns vorstellen, dass die Tatsache, dass wir sie nicht schauen können, noch nicht bedeutet, dass sie auch nicht da sind. Wir können uns einmal versuchsweise vorstellen, dass, auch wenn ich sie nicht sehe, nicht schaue, diese himmlischen Wesenheiten dennoch um mich herum und durch mich hindurch bis in die physischen Geschehnisse, die physisch-leiblichen Prozesse hinein wirksam sind. Und man könnte sich dann eine Vorstellung davon machen, dass dasjenige, was Denken, FĂŒhlen und Wollen ist, (...) nur Spiegelung ist, dass aber die Wirklichkeit des Denkens, FĂŒhlens und Wollens diese himmlischen Hierarchien sind; dass es noch etwas ganz anderes gibt als nur unser persönliches Denken, FĂŒhlen und Wollen. Und wenn die leiblichen Werkzeuge dann loslassen mĂŒssen, das heißt, wenn wir sterben, haben wir keine Möglichkeit mehr zu dieser Spiegelung, denn das Instrument der Spiegelung ist nicht mehr da, aber diese geistigen Wesen sind dann selbstverstĂ€ndlich noch immer da. Wir mĂŒssen uns vorstellen, dass dies dann unsere himmlische Leiblichkeit wird, dass also das, was auf Erden abfĂ€llt und als Spiegelungsapparat nicht mehr da ist, von der höheren geistigen Welt ĂŒbernommen wird. Und in dem Maße, wie wir auf Erden versucht haben, uns des wirklichen Denkens, FĂŒhlens und Wollens bewusst zu werden und diese höheren Hierarchien zu erleben, ist selbstverstĂ€ndlich nach dem Tod dasjenige, was dann da ist, viel bewusster unser Zuhause. Denn dann ist es schon bekannt, da schreiten wir ĂŒber eine Schwelle, aber nicht in ein Haus hinein, das völlig unbekannt ist und wo wir auch keine Werkzeuge haben, uns da noch bewusst zu sein, sondern wir schreiten in ein Haus hinein, das uns bekannt ist und wo wir auch schon wissen, wie dieses Bewusstsein da eigentlich wirkt. Das wĂ€re die eigentliche Unsterblichkeit – dass das möglich wird.
Einen ,Aufbau‘ – geistig gesehen – auf unser gewöhnliches bewusstes Ich, könnten wir uns unter dem vorstellen, was dann da ist. In dem gespiegelten Denken haben wir davon keine Ahnung, aber das braucht nicht so zu bleiben, und es gibt sehr konkrete Anweisungen, wo wir die TĂ€tigkeit der höheren Wesenheiten fnden können oder erleben können, wo sie da sind, wo sie immer da sind, nur sind wir uns dessen nicht bewusst.
’

Diese konkreten Anweisungen machen dieses Buch so wertvoll. So nimmt Mieke Mosmuller den innerlich aktiven Leser anhand von DenkĂŒbungen (dem Satz des Pythagoras, verschiedenen Zitaten aus der ,Philosophie der Freiheit’) und MeditationsĂŒbungen mit zu ihrem Erleben der drei Chöre von Wesen der dritten Hierarchie. Erst zu dem Gebiet der Engel, die im reinen, ĂŒberpersönlichen Denken und Wahrnehmen wirken, dann zum Erleben der Erzengel, die im Gebiet der Denkkraft und der Denklogik wirken, und schließlich auch zu den Archai, den Geistern der Persönlichkeit, die in der Bildgestaltung der Erinnerung wirken und die uns in der Meditation tragen. AusfĂŒhrlich wird hierbei verweilt, aber es gibt auch Raum fĂŒr ein erstes Erkennen der Wirkungen der Engelchöre der zweiten Hierarchie im menschlichen GefĂŒhlsleben und der ersten Hierarchie im Willensleben. In den folgenden Seminaren und BĂŒchern wird dies dann wiederum ausgearbeitet werden.

Wir können die Aufgabe, bewusst mit den Hierarchien zusammenzuleben lernen, nicht groß und erhaben genug sehen. Um hierfĂŒr noch mehr GefĂŒhl zu bekommen, zeigt Mieke Mosmuller, wie in der Zeit der heiligen Rishis und auch noch in der griechisch-römischen Zeit die geistigen Hierarchien noch in Zusammenhang mit den Sternen und Planeten erleben wurden. Wenn man den Mond nannte, meinte man die Welt der Engel, mit Merkur die Welt der Erzengel und mit Venus die Welt der Archai, und so immer höher bis ĂŒber die Fixsterne hinaus. Hier wird die Aufgabe spĂŒrbar, das Geistige im Kosmos wieder zu erleben.

Engel2

Harfenspielender Engel, nach Pere Serra. (14. Jh., Katalonien).

Die Meditation, die ich zu Beginn dieses Artikels nannte, bekommt durch all dies eine enorme Vertiefung. Die ,Burg’, die die Engel in Maria bauen, woran alle Hierarchien teilhaben, wird so groß wie der Kosmos und reicht bis ĂŒber die Sterne hinaus, wo die göttliche TrinitĂ€t ist. Dorthin dĂŒrfen die Chöre der Engel unsere Bitten um Beistand der guten MĂ€chte des Seins fĂŒr Mensch, Natur und Kosmos tragen. Je mehr Menschen mit Kraft diese Meditation tun, desto mehr Hoffnung gibt es, dass die Engelchöre krĂ€ftig mitwirken können, fĂŒr die Menschheit und die Natur, die voller Sehnsucht hierauf warten. Ergreifen wir unsere Verantwortung...

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1 Es ist geplant, dieses Buch in absehbarer Zeit auch auf NiederlÀndisch erscheinen zu lassen. Alle kursiv gedruckten Zitate in diesem Artikel sind aus diesem Buch.
2 Diese Meditation wird ausfĂŒhrlich in den BĂŒchern ,Vom Himmel hoch’ und ,Der Himmel auf Erden’ von Mieke Mosmuller behandelt.

3EngelHier